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Sonntag, 3. Februar 2013

Augenblicke des Lebens IV / 13 – Verbundenheit im Herzen




Wie sehr hat er sich nach der Zeit des Jahres gesehnt. Endlich hat er Urlaub. Endlich kann er einfach mal nur sein. Endlich muss er mal nicht nur funktionieren, so wie er es in der restlichen Zeit des Jahres tun muss. Endlich kann er so sein wie er ist. Endlich, endlich, endlich. Endlich kann er sich in sein Auto setzen und einfach drauf los fahren, dahin wohin es ihn verschlägt. Einfach da sein, wo sein Herz ihn hinführt. Endlich.
Er könnte ein paar Freunde besuchen. Er könnte aber auch ans Meer fahren. So sehr wie er sich auf diese Zeit auch gefreut hat, so lang erscheint ihm diese Zeit auch zu sein. Klar ein paar Ideen schlummern in ihm, aber so sehr wie er sich nach diesen Wochen gesehnt hat, so sehr erscheint ihm auch die Erschöpfung und das Loch welches sich auftun will. Er spürt das er alleine ist. Zumindest fühlt es sich in diesem Moment so an. Er würde gerne die Zeit mit anderen teilen, aber mit wem. Die Menschen die er jetzt gerne um sich hätte, haben keinen Urlaub mehr. Sie werden schon wieder von ihrem Alltag getrieben.
Am besten wird es sein, wenn er sich jetzt einfach in sein Auto setzt und drauf losfährt. Erst einmal ans Meer. Zeit für sich haben. Ja ,das ist nicht verkehrt. Den Versuch starten, dort wieder ganz bei sich anzukommen. Danach kann er ja noch weiter schauen. Es gibt so viele Plätze wo er sein kann, die er noch nicht kennt und die schön sein müssen, so das er immer weiterziehen kann, solange die Zeit ihn lässt.
Seine Abenteuerlust hat ihn gepackt und all seine Spontanität ist auch wieder vorhanden. Das was ihn ausmacht und er so sehr liebt. Sein erstes Ziele ist das Meer. Er liebt das Meer und freut sich endlich angekommen zu sein, denn so sehr wie die Freude über seinen Urlaub gefasst hat, so sehr macht ihn auch die Erschöpfung zu schaffen, denn je mehr er zur Ruhe kommt, um so mehr macht sich auch etwas Schwermütigkeit breit. Es fällt ihm jeden Tag aufs neue schwer sich aufzuraffen und etwas zu unternehmen. Am liebsten würde er einfach da liegen bleiben, wo er liegt und nichts tun. Nur das geht doch nicht. Man kann nicht einfach nur nichts tun. Es fehlt ihm die wirkliche Inspiration.
Natürlich hat er Ideen, aber keine dieser Aktivitäten berührt ihn wirklich. Er ist am Ende zufrieden, mit dem was er gemacht hat, aber er ist nicht wirklich bei sich. Was soll er aber vom Leben erwarten? So muss er doch zufrieden sein, mit dem was er hat und was er macht. Dennoch fühlt er sich leer und nicht wirklich angekommen. Das ist für ihn das Zeichen, das es Zeit wird vielleicht weiter zu ziehen. Vielleicht ist es der Ort an dem er ist. Das es nicht der Ort ist an dem er sein sollte.
So zieht er immer weiter und versucht seine Ideen umzusetzen. Alles was er tut ist in Ordnung, aber nicht wirklich erfüllend in seinem Herzen. Die Leere und die Erschöpfung bleibt. Gleichzeitig fühlt er sich immer noch getrieben und das ist etwas, was er in dieser Zeit nicht spüren wollte. Getrieben von einem inneren Gefühl und der Zeit. Er hat das Gefühl, das er die Zeit nicht ausfüllen kann und gleichzeitig sie ihn zwischen den Finger zerrinnt.
Mit einem Mal erscheint ihm eine Lösung vor den Augen. Wenn er diese Reise, diese besondere Zeit des Jahres nicht mit den Menschen verbringen kann, mit denen er jetzt gerne zusammen sein möchte, nur weil diesen jetzt nicht gegeben ist, einfach drauf los zureisen, so wie er es macht, warum setzt er sich nicht in sein Auto und fährt zu ihnen? Irgendetwas in ihm sagt, das es jetzt das richtige wäre, einfach in die Nähe zu fahren, sich dort niederzulassen und zu schauen was geschieht. Er möchte die Menschen auch nicht einfach so überfallen und voraussetzen, das sie die Zeit und den Raum auch für ihn haben. Es ist zudem eine Möglichkeit, das sie etwas Zeit miteinander verbringen können. Wer weiß schon was ihn Neues erwarten wird.
Zu seiner großen Überraschung wird er mit offenen Armen willkommen geheißen, obgleich er einfach so aufgetaucht ist und niemand vorher Bescheid wusste. Sollte er sich die Frage stellen, warum ihm so daran gelegen war, Zeit mit dieser Frau die er vor Jahren aus den Augen verloren hatte, zu verbringen? Nein. Das möchte er nicht. Er möchte so wie die ganzen Tage vorher auch schon alles auf sich zukommen lassen und die restliche Zeit die er jetzt in seinem Urlaub noch zur Verfügung hat genießen.
Irgendetwas ist anders.
In ihrer Gegenwart spürt er so viel Wärme und Nähe in sich, das er es kaum fassen kann. Ein Mensch, ein Ort und er kann sich einfach so fallen lassen. Er macht genau das, wovor er eigentlich Angst hat, denn er könnte sich darin verlieren. Das wäre in seinen Augen eine Katastrophe. Nun steht er vor ihr und all das was ihn zu schaffen macht ist verschwunden. Es ist als würde sie seine Seele berühren und alle das schenken wonach er sich gesehnt hat. Auf einmal ist einfach alles da. Kann er dem Gefühl vertrauen oder ist es nur wieder eine Irritation oder eine Illusion der er verfallen könnte, nur weil sein Innerstes komplett verrückt spielt und er es nicht mehr einzuschätzen vermag. Allerdings kann er nicht anders, als dieses ganze Erleben in sich aufzusaugen, denn in ihm kommt so viel zum tragen, das er auch etwas zurückgeben kann. Er fühlt sich vollkommen, entspannt und dynamisch. Als würde das Kind im Manne wieder erwachen. Eine unsagbare Nähe und Intensität kann er in sich erleben, wobei es ihm auch immer wieder unheimlich erscheint.
Nur wenn eines ganz klar und zu spüren ist, dann, das sie sich beide diesen Augenblicken einfach hingeben. Sie ist Balsam für sein Herz und seine Seele, selbst in dem Bewusstsein, das er bald schon wieder abreisen muss.
Nur was ist dann?
Sie möchten die Zeit einfach genießen, die Intensität erleben und alles was für sie vorher gesehen ist, wird sie auch erreichen. Er will alles auf sich zukommen lassen, aber er weiß bei dem Moment der Abreise, das es ein neuer Beginn ist.
Erfüllt von Liebe, Leben und der Erinnerung an diese Zeit, kehrt er in seinen Alltag zurück, mit der Verbundenheit im Herzen, die ihn nicht loslässt, sondern jeden Tag aufs Neue begleitet.

© by Emma Wolff (26.1.2013)




Sonntag, 27. Januar 2013

Augenblicke des Lebens III / 13 – Weiße Stille


Es ist noch tiefe Nacht und gleichwohl dringt durch die Fenster ein heller Schein. Jeder einzelne Ast der Tannen vor dem Haus ist zu erkennen. Die Dächer sind weiß umhüllt. Sie steht auf und geht zum Fenster, derer Blick für sie immer offen ist. Sie mag es nicht, wenn sich die Sicht in die Weite verbarrikadiert, deshalb lässt sie auch in der Dunkelheit die Vorhänge immer offen. Im Licht der Laterne sieht sie, das es unerschütterlich schneit. Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Dessen ungeachtet bleibt sie einen Moment da stehen und schaut in die weiß leuchtende Dunkelheit. Alles ist ganz still. Auch von draußen ist kein Geräusch zu vernehmen. Als wäre Alles in einen tiefen Schlaf gehüllt. Ein tiefer Schlaf, der nur sie unberührt lässt. Sie legt sich in dieser ungewöhnlichen Finsternis wieder ins Bett. Sie schaut und betrachtet von dort aus, weiter die hellen Umrisse der Bäume. Jeden einzelnen Zweig. In ihren Gedanken tauchen die Bilder der Tage, ja der Jahre auf, die sie diese Tannen schon beobachtet hat. Wie die Vögel darin ihre Nester gebaut haben. Wie sie die Jungen beim wachsen beobachten konnte. Wie sie fremde Tiere verscheucht haben und auch wie sich der Anblick dieser Bäume jeden Tag ändert und sie das alles miterleben darf. Allerdings kann sie sich auch nicht erinnern, dass sie solch ein Schauspiel, wie in dieser Nacht, schon so bewusst erleben durfte. Sie, obgleich tiefe Nacht herrscht und der Himmel von der Dunkelheit des Neumondes überzogen ist, alles in solch einem strahlenden hellem Licht wahrnehmen und sehen durfte. So gesehen, genießt sie es einfach nur, freut sich über ihr Glück des Erlebens, bis sie irgendwann einfach nur einschläft.

Am nächsten Morgen wird sie von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Das Schneetreiben hat sein Ende gefunden. Sie spürt die Kälte des Morgens und der vergangenen Nacht in den alten Räumen. Im gleichen Atemzug vernimmt sie, wie in sich die Wärme der Freude und des Friedens, die Wärme der Liebe über das Erleben dieses Morgens ausbreitet. Sie spürt, das dies ein traumhafter Tag wird. Die Sonne steht noch tief in ihrem hellen und kalten Licht, am zart blauen Winterhimmel. Ihre Strahlen schimmern in den Eiskristallen, die sich über der dicken Schneedecke gebildet haben. Sie funkeln wie kleine Diamanten, in den kalten Farben des Winters. Allerdings in einem glänzenden und erfüllenden Licht, welches voll mit Leben steckt und die Erde an einzelnen Stellen in einen goldenen Schein erstrahlen lässt. Sie öffnet das Fenster und atmet tief die eisige Winterluft und den Duft des Schnees ein. Jeder Atemzug durchströmt sie an diesem Morgen noch mehr mit Leben. Keine Bewegung ist zu vernehmen. Kein Ast, kein Zweig und kein Tier bewegt sich. Alles ist über und über mit Schnee bedeckt. Kein Geräusch kann sie vernehmen, obwohl sie am Stadtrand lebt. Jedoch ist Alles in eine tiefe Stille gehüllt. Die selbe Stille, welche sie in der Nacht schon wahrnahm, mit dem Unterschied, das sie diese auch jetzt nicht als unangenehm empfindet. Sie spürt das Schweigen und den Frieden der unter der Schneeschicht begraben liegt und alles mit dieser Stille und Leben einhüllt. Als würde jetzt alles in einem tiefen langen Schlaf verharren, solange der Schnee sie bedeckt. Sie in ihm Ruhe und Kraft tanken können, bevor alles wieder schmilzt und die Vergänglichkeit der Jahre, in ihren Zeiten, einen neuen Verlauf nimmt. Bevor die ersten Grashalme und die Blumen langsam aus der Erde kommen, um von neuen zu aufblühen. Die Bäume ihre ersten Triebe sprießen lassen, um eines Tages wieder voll Früchte stehen zu können. Bis alles wieder voll Farbe und Pracht erblühen darf.
Jeden einzelnen Augenblick saugt sie regelrecht in sich auf, bevor sie sich in ihren Tag begibt, in die silberweiße, helle und strahlende Weite und Stille hinaus zu marschieren, um einfach nur zu sein.


Einfach nur zu sein, mit allem was in ihr lebt und sie umgibt. Voll ihrer Liebe, dem Leben, vollkommenen Frieden, inmitten der tiefen weißen Stille.

© by Emma Wolff (25.1.2013)



Sonntag, 16. Dezember 2012

Geschichten des Lebens XLVII – Der Weihnachtsmann



Mama“, ruft Anton zur Tür herein, „ich möchte jetzt nicht gestört werden. Ich muss jetzt meinen Wunschzettel schreiben.“
Seine Mutter schaut ihn nur nickend mit großen Augen an und sieht wie der kleine Junge die Türe zu seinem Zimmer hinter sich schließt, gefolgt von einem schmunzeln, da es sein erster selbst geschriebener Brief an den Weihnachtsmann sein wird, da er ja gerade erst das schreiben lernt. Von seinem Schreibtisch nimmt Anton sich einen Malblock und seine ganzen Stifte, setzt sich auf den Boden und überlegt, was er sich denn alles wünscht. Er ist so aufgeregt und kann es kaum noch erwarten bis der Weihnachtsmann kommt. Als er eine Idee hat, beginnt er auch sofort in Lautschrift zu schreiben, so wie er es in der Schule bisher gelernt hat.

LIBR WEINACHZMAN.
ECH WÖNSCHE MIA SO WEINACHDEN EIN FOASCHONKSSCHBIL.
ONT EIN

Auf einmal hört er auf zu schreiben, weil die Aufregung und die vielen Gedanken ihn einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. „Gibt es überhaupt den Weihnachtsmann?“, denkt sich Anton weiter, „Ich habe ihn noch nie gesehen. Zumindest habe ich nie gesehen wie er die Geschenke bringt. Meine Wünsche gebe ich ja auch immer an Mama oder Oma weiter. Wie kann ich nur herausbekommen ob es ihn wirklich gibt oder nicht?“
Er grübelt eine Weile noch vor sich hin und malt so ganz nebenbei. Der Wunschzettel ist erst einmal wieder in Vergessenheit geraten.
Am nächsten Morgen bringt ihn seine Mutter so wie jeden Tag zur Schule. Kurz bevor er in den Klassenraum geht, stellt er fest, das er unbedingt jetzt noch mit seiner Mutter über seinen Plan reden muss, wie er es vielleicht schaffen kann, den Weihnachtsmann direkt am Heiligenabend zu sehen.
Ach Mama, ich möchte zu Weihnachten nicht in die Kirche gehen!“ stellt er so in den Raum.
Seine Mutter stutzt sehr und fragt, „Wieso denn nicht? Du gehst doch sonst gerne in die Kirche!“
Na, wenn ich nicht in die Kirche gehe, dann kann ich sehen wie der Weihnachtsmann meine Geschenke bringt.“ baut er sich vor ihr auf.
Seine Mutter musste sehr grinsen. „Du warst doch letztes Jahr schon nicht in der Kirche, genau aus diesem Grund. Und hast du den Weihnachtsmann gesehen?“ Anton überlegt einen kurzen Moment. „Ja! Nein! Ja.“, stammelte er und musste ihr zustimmen, als er feststellte, das sein Plan damals gescheitert war. Also grübelte er angestrengt weiter, während er seine Jacke auszog. Auf einmal erhellt sich sein Gesicht wieder. Jetzt weiß er warum er im letzten Jahr den Weihnachtsmann nicht sehen konnte. Das soll ihm dieses Jahr nicht mehr geschehen.
Ok, dann gehe ich in diesem Jahr nicht in die Kirche und auch nicht baden!“,
entgegnet er triumphierend, dreht sich ohne ein weiteres Wort abzuwarten auf dem Absatz um und verschwindet in seinem Klassenzimmer.
© by Emma Wolff (2.12. 2010)





Sonntag, 9. Dezember 2012

Geschichten des Lebens XLVI – Das Weihnachtsgeschenk




Er läuft durch die Straßen und Geschäfte nach einem ganz bestimmten Buch. Unbedingt möchte er seinem Sohn, diesen einen Wunsch erfüllen. Manchmal hat er das Gefühl, er freut sich in diesem Jahr noch mehr auf Weihnachten, als er es jemals zuvor getan hat.
In jedem Laden sieht er irgendetwas, wobei er an den Kleinen denken muss. Sollte er vielleicht doch noch mehr kaufen, als es abgesprochen war. Er hat das Gefühl als hätte er so viel aufzuholen, wozu er in den letzten Jahren nicht die Möglichkeit hatte. Doch sein Sohn hat ihm nur diesen einen Wunsch gesagt und das er nicht mehr wolle.
Vor vielen Jahren gab es auch einmal die Regel, Geschenke dürfen nur einen Geldwert haben und nicht mehr. Es war beiden Elternteilen immer wichtig, dass der Kleine die Wertschätzung der Gaben lernt. Das es um viel mehr geht, als um riesige Geschenke. Wobei ihm aber auch immer wichtig war, das das Kind lernt, das es sehr wichtig ist, seine Wünsche zu äußern. Auch wenn man weiß, das nicht immer alle Wünsche erfüllt werden können.
Der Kleine durfte immer alle seine Wünsche auf den Wunschzettel schreiben. Er wusste, dass mindestens ein Wunsch davon erfüllt werden würde. Für den Kleinen war das immer schon Freude genug, denn er wusste es würde auf jeden Fall ein Wunsch unter dem Weihnachtsbaum liegen, wenn sie aus der Kirche kamen.
Auch wenn in den letzten Jahren sich viel geändert hat, vor allem für den Jungen, so ist das aber etwas was geblieben ist.
Zu Hause setzte er sich mit dem gewünschten Buch an den Tisch und blätterte noch einen paar Seiten darin herum, bevor er sich an das Verpacken mit Weihnachtspapier machte. Ob er sich wirklich über das Buch freut. Es sind nun schon wieder ein paar Wochen vergangen, als er diesen Wunsch äußerte und man weiß ja wie Kinder sein können. Da ändern sich die Wünsche manchmal im Stundentakt. Aber er hat diesen Wunsch auch bei keinem Telefonat wieder revidiert. Also wird es schon das rechte Geschenk sein.
Wobei, wenn er genauer über alles nachdenkt, wird in diesem Jahr das Geschenk eine Nebensache sein. So lange hat er seinen kleinen Sohn nicht mehr gesehen.
Er denkt an das letzte Weihnachtsfest und die Traurigkeit die es für ihn überschattete. Weihnachten alleine hier zu verbringen. Nicht zu wissen wie es seinem kleinen Jungen geht. Ihn nicht im Arm halten zu können. Der Schmerz der vergangenen Weihnacht ist für ihn wieder so sehr zu spüren, als wäre es genau in diesem Moment. All das wollte er nie wieder erleben. Nie mehr wollte er, dass andere Menschen so einen Einfluss auf seinen Kleinen hatten und er keinen Kontakt mehr zu ihm hatte. Kein Wort. Als würde er nicht existieren.
In diesem Jahr soll alles anders werden. Am liebsten hätte er ihn gleich für die ganzen Ferien, doch die Tatsache, dass er den Kleinen an diesem Weihnachtsfest in den Armen halten kann, macht ihn überglücklich. Das ist mehr als er sich vor ein paar Wochen noch hätte wünschen und vorstellen können.
Je weiter er das Geschenk für seinen kleinen Sonnenschein verpackt, umso mehr erfüllen ihn dieses Sein vollkommen mit Wärme und aller Liebe die in ihm verborgen lag. In der Vorfreude auf die kommenden Stunden mit seinem Sohn.



© by Emma Wolff (16.12.2010)




Sonntag, 2. Dezember 2012

Geschichten des Lebens XLV – Wie sag ich es meinem Kind




Weihnachten wird es in diesem Jahr nicht geben!“, fertig Punkt aus.
Nein, dass kann sie nicht machen. Das wäre ein zu großer Schock für ihr Kind. Aber was soll sie sagen? Soll sie ganz hart sein und die Ängste schüren? Wessen Ängste? Sie hat doch selber panische Angst vor dem was kommen wird. Das ausgerechnet jetzt.
Es gibt kleine Auffälligkeiten auf dem Bild. Wir werden zur Sicherheit eine Biopsie durchführen. Aber machen sie sich keine Sorgen. Es ist nur Routine.“, hatten sie gesagt.
Leider müssen wir noch ein paar Gewebeproben nehmen, aber es ist nur zur Sicherheit. Also kein Grund zur Besorgnis.“, hatten sie beim nächsten Mal gesagt.
Ach da wird nichts schlimmes sein, sonst hättest du die Ergebnisse schon längst.“, hatte ihre Freundin gesagt und wollte mit den Worten beruhigen.
Alle haben ihr irgendetwas gesagt, aber am Ende muss sie da alleine durch. Keiner hat ihr gesagt, wie man sich keine Sorgen machen soll, wenn die Gefahr droht. Keiner hat ihr gesagt, wie sie mit der Angst leben soll. Keiner hat ihr gesagt, was kommen könnte. Alle haben versucht es runter zuspielen. Aber sie hat es gespürt. Ja, sie hat es gewusst.
Nur wie sage ich es meinem Kind? Wie sage ich meinem Kind, das ich bald nur noch eine Brust haben werde? Wie sage ich meinem Kind, das ich Krebs habe? Wie sage ich ihm, das ich Weihnachten nicht bei ihm sein kann? Das es nicht das Fest geben wird, wie er es kennt. Wie sage ich meinem Kind, das die Ärzte nicht wissen, wie es wirklich um mich steht? Wie sage ich meinem Kind, all diese ganzen Sachen, ohne dass er Angst haben wird? Angst vor mir. Angst vor dem Leben. Angst vor dem Krebs. Angst vor dem Sterben. Er musste schon oft miterleben, wie Menschen sterben. Er hat so viele Ängste, da kann ich jetzt nicht mehr sein. Ich muss ihn doch beschützen. Ich muss ihm Sicherheit geben. Ich muss eine Mutter für ihn sein. Nur wie kann ich eine Mutter sein, wenn ich diesen Kampf durchleben muss? Wie kann ich es schaffen, für ihn ein ganz normales Leben zu gestalten, ohne dass er etwas mitbekommt? Ich möchte, dass er eine wundervolle Adventszeit verbringen kann. Ich möchte für ihn da sein. Ich möchte für ihn die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen.
Aber wie?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß es nicht.“

Sie ist so verzweifelt, weil sie Angst hat vor dem was kommen wird. Sie möchte keinen Schmerz und Kummer bereiten. Sie weiß aber auch ganz genau, das ihr Sohn etwas spürt. Das sie es nicht verheimlichen kann. Sie kann nicht einfach den Kampf aufnehmen, ohne dass er davon Bescheid weiß. Was wäre, wenn sie es nicht schafft? Wäre das nicht viel schlimmer? Sie war immer sehr offen und ehrlich zu ihm. Die schwierigsten Themen haben sie schon einmal besprochen. Also, wieso sollte er das jetzt nicht auch verstehen? Vor allem, wie soll er sonst verstehen, wenn sie lange im Krankenhaus ist? Wenn es ihr nicht gut geht? Wenn sie zusammen keine Plätzchen backen können oder er mit seinem Papa alleine unterm Weihnachtsbaum sitzt?

Alleine der Gedanke daran, dass sie jedem Moment dieses schwere Gespräch führen soll, lässt sie Schweißausbrüche bekommen.
Gleich nach dem Mittagessen spricht sie mit ihm und erklärt ihm ganz genau was los ist. Sie versucht es so genau und sachlich zu halten, wie es nur geht. All seine Fragen versucht sie zu beantworten. Sie ist sehr erstaunt darüber, wie erwachsen er mit dem Thema umgeht. Alleine dieses Erleben, zwingt sie gegen die Tränen anzukämpfen. Nein, sie möchte nicht vor ihm weinen. Sie weiß aber jetzt ganz genau das sie diesen Kampf, egal wie, überleben wird und spürt dies tief in ihrem Herzen, als der Kleine aufsteht, sie in den Arm nimmt und fest an sich drückt, während er ihr ins Ohr flüstert.
Das wird ein ganz tolles Weihnachten. Es ist egal ob hier oder in der Klinik. Wir werden Zusammensein.“

© by Emma Wolff (25.09.2012)




Sonntag, 25. November 2012

Geschichten des Lebens XLIV – Hier und Jetzt, Leben.




Tod und Geburt. Wenn ihr eines Bewusst wird, dann das dies noch näher beieinander liegen, als sie vor ein paar Jahren noch glaubte. In dem einen Moment bekommt sie die Nachricht, dass jemand gestorben ist und im nächsten Augenblick, werden Freunde endlich Eltern und präsentieren ihr das gerade geborene Kind. Freude und Trauer liegen neben einander und je älter sie wird, desto mehr nimmt sie das wahr. Nur mit dem Unterschied, das die Nachrichten von Verstorbenen immer häufiger erreichen, oder ist es ihr vorher nur nicht so bewusst aufgefallen?
Liegt es am Alter?
Jedenfalls gehen ihr die Todesanzeigen immer sehr nahe und es fällt ihr immer schwerer sich über die Geburt zu freuen. Zumindest kann sie es nicht so zeigen und teilen, wie sie es möchte. Natürlich freut sie sich über dies neu begonnene Leben, allerdings die Trauer über den Verlust von Menschen überwiegt so dermaßen, dass sie damit zu sehr beschäftigt ist. Selbst auf die Frage, wieso es so ist, hat sie schon lange eine Antwort gefunden. Es ist die Demut vor dem Leben und das Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens. Die Vergänglichkeit der Zeit. Der Verfall des Daseins, ihres Seins. Jede dieser Botschaften gehen ihr durch Mark und Bein. Sie wundert sich noch nicht einmal mehr, warum alle in den letzten Monaten dieselbe oder eine ähnliche Ursache hatten. Ebenso, wie es sie nicht mehr wundert, dass die meisten von ihnen vorher Kerngesund waren. Und dennoch hat ihr Herz einfach aufgehört zu schlagen. Sei sind alle einfach entschlafen. Dadurch wurde ihr immer bewusster, das der Tod, vor nichts und niemanden halt macht. Erst recht nicht vor dem Alter.

Das macht ihr Angst und im ersten Moment lähmt es sie. Sie ist gelähmt, von der Nachricht, denn sie wurden immer jünger. Der Tod hatte ihr Alter erreicht, ebenso wie sie Angst davor hat, das sie das Leben nicht wirklich genutzt hat. Hat sie es genutzt so wie es vorhergesehen war, oder hat sie ihre Zeit in irgendwelchen Kämpfen verschwendet, die ihr meist selber Leid zufügen. Hat sie den Menschen und Wesen um sich herum auch die Liebe und Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen, die sie brauchen, oder ist sie einfach über alles hinweg gegangen?

Heute fragt sie sich diese Fragen nicht mehr. Nein, sie versucht jede dieser Botschaften für sich zu nutzen und daraus mitzunehmen, was sie kann. Wobei ihr immer mehr bewusst wird, wie kostbar und wie wertvoll das Leben ist. Wie vergänglich und unberechenbar die Zeit ist.
Jedes Mal stellt sie sich dem Schmerz der Trauer und der Gehemmtheit, die die Angst ihr initiiert. Sie will darin nicht vergehen. Sie will leben. Sie will in der Angst nicht verharren, sondern die Zeit die ihr noch bleibt nutzen, da sie nicht weiß, wie viel es noch sein wird. Das Einzige was sie weiß ist, das sie auf viele Dinge keinen Einfluss hat und alles seinen Grund hat. Sie ist in der Gewissheit, dass in dem auch eine Aufgabe liegt. Sobald sie spürt, das sich etwas ändert, das sie etwas Ändern muss, das sie auf ihrem Weg abbiegen muss, dann nutzt sie die Möglichkeit, da die Zeit eben zu knapp und das Leben zu wertvoll ist. Das ist das Einzige was sie hat und das will sie nutzen.

Sie will Liebe schenken und teilen. Sie möchte die Aufgaben die sie finden, nehmen und nur ein erfülltes Leben führen. Sie besinnt sich auf das Notwendigste und den Sinn in ihrem Leben. Am liebsten möchte sie diese Erfahrungen an alle Menschen weitergeben. Nur das ist ihr nicht gegeben. Was ist ihr gegeben? Sie kann einfach nur da sein und kann versuchen zu helfen. Sie kann versuchen zu leben, in der Hoffnung, dass es immer mehr Menschen erkennen. Das sie erkennen, dass all ihre Ängste, geboren aus ihren Erfahrungen nur Gedanken und Projektionen sind. Das diese sie hemmen kontinuierlich wahrhaft zu leben und zu lieben. Das sie die Möglichkeiten des Lebens und der Liebe einfach nutzen und nicht die Angst, die so genannte Vernunft all das nimmt, was sie erfüllt.
Ja, das weiterzugeben. Die Menschen mit Augenblicken zu erfreuen. Ihnen Liebe zu schenken und die Aufgaben die sich in dem Moment des Lebens stellen, zu nehmen. Die Zeit zu nutzen. Einfach, Hier und Jetzt zu leben.


© by Emma Wolff (25.09.2012)






Sonntag, 18. November 2012

Geschichten des Lebens XLIII – Wolken




Er liegt auf der Wiese und nichts was ihn vorher noch beschäftigte, all seine Sorgen und Probleme sind für diesen kleinen Augenblick wie weggeblasen. Er liegt auf dem Rücken und hat die Arme im Nacken verschränkt. Er schaut den Wolken am Himmel zu. Immer einmal taucht ein Gedanke auf, den er aber auch gleich wieder beiseite schiebt, denn er möchte jetzt einfach nur hier liegen und sein. Alles scheint ganz frei und gelöst. Jeder einzelne Augenblick, jeder gemachte Atemzug, scheint ihn mehr und mehr mit Leben zu durchströmen. Eine Stille und Weite breitet sich in ihm aus, das er das Gefühl hat, durch die Wolken zu tanzen.

Er gibt sich dem ganz und gar hin. Er hat das Gefühl, ganz im Leben, ganz bei sich und ganz geerdet zu sein. Die Wolken ziehen einfach, wie einzelne Gedanken an ihm vorbei.
Mit einem Mal, sieht er ganz deutlich Antworten vor sich. Antworten von Fragen, die ihn vorher einfach nur geplagt haben. Die Gedanken die ihn sonst leiden haben lassen, sind verschwunden. In den Wolken findet er den Spiegel des Augenblicks und des Lebens wieder. Einen Spiegel der deutlicher nicht mit ihm sprechen könnte. Er gibt sich diesem Gespräch, dem Dialog mit den Wolken hin und lässt es geschehen, ganz in der Stille die in ihm wohnt und mit Leben erfüllt. Immer deutlicher wird ihm bewusst, das alles was ihn so sehr plagte, Nichts ist. Nur eine Illusion. All sein Leid ist von ihm selber geschaffen. Die Wolken spiegeln so wundervoll jeden einzelnen Augenblick wieder. Es ist nicht zu vergleichen mit dem was war und mit dem was kommen wird. Denn kein Augenblick des Erlebens ist gleich. Was kann dies besser und deutlicher zeigen, als die Wolken am Firmament, die sich zu monströsen Ungetümen aufbauen, Angst einflößen und aufweisen, wenn Gefahr droht. Gleichzeitig können sie uns immer so viel Transparenz bieten, das Licht zum erkennen hindurch scheint. Immer so viel, das wir nicht fallen können. Aber, wir Menschen sind so mit uns selber beschäftigt, dass wir das nicht wahrnehmen können. Wir können nicht erkennen, was im Leben ist, da wir uns immer wieder unseren Illusionen hingeben. Gleichsam in der Nacht. Sie ist dafür da, das wir uns ausruhen, denn der Fluss des Lebens geht trotz allem weiter. Es ist ein ständiger Prozess, dem wir uns nicht verwehren können. Wir können ihn nur leben, und das bedingungslos. Alles was wir brauchen haben wir. Wir müssen es nur erkennen und nutzen. Alles ist Vergänglich und stirbt sofort wieder. Also, warum sollten wir uns Leid zufügen, nur weil dunkle Wolken am Himmel sind. Es erscheint dann so sinnlos, wie wir Menschen sind. Wir geben uns nicht mit dem Zufrieden was wir haben. Immer soll alles anders sein als es in dem gegenwärtigen Moment ist, statt es so zu leben wie es Jetzt ist.

Ja, der Spiegel des Lebens. Die Wolken, sie haben ihn in diesem Moment und jedem einzelnen Augenblick den er da lag und sie beim vorbeiziehen beobachtet hat unendlich beschenkt und alle seine Gedanken und Sorgen die ihm vorher Leid zugefügt haben, mit sich gezogen.
Ein Dialog der nicht der Letzte gewesen sein wird, dessen ist er sich ganz sicher.



© by Emma Wolff (25.09.2012)







Sonntag, 11. November 2012

Geschichten des Lebens XLII – Der letzte Tag




Ihre Augen brennen. Ihr Kopf schmerzt. Sie fängt immer wieder an zu weinen. Sie möchte schlafen, nicht weinen. Sie spürt den Atem ihrer Mutter, die vor Erschöpfung eingeschlafen ist. Ihr Blick fällt zum Dachfenster hinaus und sieht die letzten Sterne der Nacht an. Alles in ihrem Kopf ist leer. Sie verspürt nur diesen unsagbaren Schmerz in ihrer Brust. Sie kann nicht glauben was geschehen ist. Sie weiß nicht, ob sie wütend sein soll oder ob sie einfach nur weiter weinen soll. Alles was geschehen ist, darf nicht wirklich sein. Das wünscht sie sich so sehr.
Sie möchte jetzt am liebsten allem entfliehen und hoch zu den Sternen fliegen. Vielleicht kann sie dann auch Antworten finden. Sie möchte alles ungeschehen machen? Aber was? Sie weiß doch nichts. Eigentlich müsste er jetzt hier sein und nicht auf irgend so einem Stern.
Sie spürt wie die Wut in ihr hochsteigt und gleichzeitig überfällt sie die Angst. Die Tränen steigen ihr wieder in die Augen und ihr Blick auf die Sterne verschleiert sich. Der Schmerz über den Verlust erscheint ihr unerträglich. Wie soll sie das überleben? Vielleicht muss sie das ja auch nicht, denn dann wäre sie wieder bei ihm.
Aber ihre Mama? Was soll dann aus ihrer Mama werden? Sie spürt wie die Tränen über Wange laufen und sie der Schmerz rütteln möchte. Sie möchte ihre Mutter nicht aufwecken, deswegen versucht sie ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Vor ihrem geistigen Auge erscheinen die letzten Momente des gemeinsamen Erlebens.
Er stand auf der Straße, lachte und winkte ihr zu. Sie wollte mit ihre Mutter nur noch etwas holen und danach wollten sie in Urlaub fahren. Sie freute sich so sehr auf diese Zeit. Er sah auch so glücklich aus. Sie konnte die Zeit kaum abwarten und als sie zurückkamen, war er nicht mehr da. Er war einfach eingeschlafen. Ist einfach nicht mehr da, einfach weg.
So vieles wollten sie noch machen.
Sie hat mitbekommen, wie einige sagten, das sie ja kein kleines Kind mehr ist und das schon schaffen wird. Ja. Sie ist kein kleines Kind mehr, aber sie ist noch ein Kind. Wie soll sie ohne ihren Vater Groß werden?
Sie spürt wie ihre Mutter sie wieder ganz nah an sich ran zieht. Das tut gut. Sie fühlt sich dadurch nicht ganz so alleine auf dieser Welt. Allmählich lassen auch die Tränen wieder nach und sie kann die Sterne wieder erkennen.
Vielleicht sitzt er jetzt da oben und schaut auf mich herab. Vielleicht ist er jetzt mein Engel, der immer für mich da ist.“
Es ist, als würde sie ihn noch einmal ganz nahe bei sich spüren.
Wie der Morgen langsam anbricht, ist auch in ihr für eine Weile Frieden eingekehrt und sie schläft sanft ein, ohne die Gedanken an den hereinbrechenden Tag.


© by Emma Wolff (24.09.2012)




Sonntag, 4. November 2012

Geschichten des Lebens XLI – Liebe in der Vergänglichkeit




Mama, was ist denn los? Warum stehst du am Fenster? Ist da was Besonderes?“ hört sie im Hintergrund fragen.
Sie schüttelt nur mit dem Kopf. „Nein, ich schaue einfach nur aus dem Fenster und betrachte die Natur. Die Sonne wird bald untergehen.“
Ihren Blick lässt sie die ganze Zeit aus dem Fenster schweifen. Sie wird wie in einen Bann gezogen. Nur der Moment und sie. Die Sonne, die alles in ihr so warmes Herbstlicht eintaucht und noch prächtiger erscheinen lässt. Die Farben des Laubes machen sich in kaum geahnter Intensität breit. Sie holt ganz tief Luft. Eine Backsteinmauer, die ihr Auge nur aus einem Winkel heraus erfasst, leuchtet in einem wundervollen Karminrot. Niemals zuvor hat sie Weinranken an dem Gestein bemerkt. Ranken die in ihrem tiefen Rot noch intensiver strahlen, dass sie sich regelrecht von dem Rot der Wand abheben und ihr damit ins Auge stechen. Sie atmet ganz tief ein und kann es kaum glauben, dass ihr das vorher noch nie aufgefallen ist. So viel Schönheit direkt vor ihren Fenster. Sie hat es vorher noch nie so wahrgenommen, dass es sie im Innersten verharren lässt und berührt.
Sie verspürt immer mehr, wie sich ihr Herz dieser Schönheit öffnet, ebenso wie sie den Blick weiter über die Landschaft und den Horizont schweifen lässt. Durch das immer wärmer scheinende Licht der untergehenden Sonne, schimmern die Kronen der Bäume in goldenen Tönen über ihren Blick. Manche tauchen in eine tiefes Rot und wieder andere schimmern golden gelb. Sie beobachtet wie der Wind immer wieder durch die Äste fährt und einzelne Blätter mit sich zieht, sie regelrecht im Licht und Schimmer, in all ihren unterschiedlichen Nuancen der Rottöne vor ihr tanzen lässt. Als würde die Sonne eine Melodie singen und die Blätter tanzen im Einklang der Zeit mit dem Wind. Sei saugt alles immer mehr in sich auf. Das Wissen, das eine kalte und ruhige Zeit über alles hereinbrechen wird und gleichzeitig eine versteckte Sehnsucht die über sie hereinfällt. Eine Sehnsucht nach Liebe, die sie zwar in diesem Moment verspürt, jedoch für sich alleine, in sich tragen muss und die Sehnsucht nach seiner Nähe. Sie schließt für einen Atemzug die Augen, möchte alles noch intensiver in sich aufnehmen, um es lange in ihrem tiefsten Inneren, dem Herzen zu speichern, um diese Schönheit und diese Liebe in sich zu tragen, da sie weiß, dass sie diesen Anblick jetzt zwar für sich alleine hatte, jedoch das Gefühl jederzeit weitergeben kann.
Die Liebe ist ein Teil von ihr, geboren in ihr. Sie weiß der Zeitpunkt wird kommen und dann kann sie es mit ihm teilen. Solange trägt sie es in ihrer Brust und lässt die Sehnsucht für diesen kleinen Moment zu. Ihre, diese Liebe, in und mit der Vergänglichkeit des Lebens.


© by Emma Wolff (24.09.2012)



Sonntag, 28. Oktober 2012

Geschichten des Lebens XL – Einen kleinen Moment ausruhen




Einen kleinen Moment ausruhen. Einfach nur hier hinsetzen und nichts tun. Ja, das ist es, was ihm jetzt gut tun würde. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte er sich das nicht zugestanden. Zu sehr war er damit beschäftigt, Terminen hinterher zu jagen oder es anderen Menschen Recht zu machen. Immer mehr wird ihm jetzt bewusst, dass es nicht gut für ihn und seine Familie war. Alles blieb auf der Strecke. Alle mussten darunter leiden. Sie litten nicht, weil es ihnen schlecht ging. Ganz im Gegenteil, denn sie haben alles, was sich die meisten Menschen wünschen und das im Überfluss. Nein, sie litten wegen mangelnder Zeit. Jedoch noch viel mehr litten sie darunter, wie er sich für diese Illusion und für den Materialismus zu Grunde richtete. Nur wofür? Für ein Leben welches ihn nicht wirklich erfüllt. Er erkennt immer mehr, für wie viel Schönheit seine Augen einfach Blind waren. Er muss deutlich feststellen, dass das was ihn glücklich macht nicht zu kaufen ist. Das der wirklich wahre Luxus die Zeit, die Achtsamkeit für sich und seine Umwelt ist. Momente in denen er einfach sein kann, so wie jetzt in diesem Augenblick.
Er hätte sich niemals träumen lassen, alle seine Vorsätze über Bord zu werfen, um ein Leben zu führen, welches im Außen nur belächelt wird oder ganz und gar verachtet wird. Er macht nur noch Aufgaben die ihn erfüllen. Er hat Zeit und nimmt sich diesen Luxus des Lebens einfach heraus, denn er möchte nicht so enden wie viele andere Menschen, die er sehr geliebt hatte. Aber jetzt, wo sie nicht mehr da sind, muss er erkennen, dass sie ihr Leben nie wirklich gelebt haben. Sie sind stetig nur irgendwelchen Wunschbildern und Erwartungen hinterher gerannt. Am Ende aber, haben sie sich selbst zerstört. Alleine das pure Beobachten dessen, war für ihn unerträglich. Er konnte nicht umhin zu erkennen, dass er es allen gleich tat.
Sofort musste eine Veränderung her. Es war nicht einfach. Nicht nur, weil die Strukturen in der er sich befand zerbrachen, sondern auch das Ego sich sehr stark meldete und nach seiner Bestätigung suchte. Es rief erst einmal die ganzen existenziellen Ängste auf den Plan. Gleichzeitig traf er auch auf sehr viel Unverständnis in seiner Umwelt. Viele Menschen musste er ziehen lassen. Obgleich er es sich vor ein paar Wochen nicht hätte Träumen lassen, er fühlt sich jetzt besser so wie es ist. Er fühlt sich erleichtert und freier mit dem was er hat und vor allem, ohne Menschen die ihm sagen, was er alles besitzen müsste oder was er zu tun und zu lassen hatte. Ohne Menschen, die ihre Erwartungen auf ihn projizieren wollen.
Er ist so dankbar für all das was er hat. Die Menschen die ihn lieben und diesen Weg begleiten. Er ist noch dankbarer, für das Leben, welches er hat und jetzt nach und nach immer mehr lebt und genießt. Jeden Tag geht er ein Stück weiter. Jeden Tag kommt er immer mehr bei sich an. Fernab von den Illusionen. Ganz da, wo er ist, bei sich im Leben. Jeden Tag kann er aufs Neue erkennen, das es nichts gibt wovor er Angst haben muss, nur um zu Leben und von den Menschen umgeben zu sein, die er aus der Tiefe seines Herzens liebt. All diese bedingungslose Liebe die er bekommt und in sich verspürt, erscheint ihm das größte Geschenk des Lebens zu sein. Jeden Tag entkommt er immer mehr dem Leid und sieht die Aufgaben, die ihn umgeben. Die Aufgaben, die ihn erfüllen und genau das bringen was Notwendig ist für ihn und seine Lieben. Mehr braucht er nicht.
Genau deswegen, kann er sich jetzt auch auf diese Bank setzen, tief Luft holen, den Moment einfach auf sich wirken lassen und überwältigt sein, von der Vielfalt der Farben, die ihn umgibt. Die Farben der Natur und des Herbstes. Die Farben und die Schönheit der Vergänglichkeit des Lebens, die er in solch einer Intensität nie bewusst wahrgenommen hat. Er saugt es regelrecht in sich auf, all die Schönheit die er sieht und weiß, das sie in ihm noch lange bestehen wird. Ein Teil der Vergeht, weil es ein Ende hat und ihm zugleich noch genauer den Neubeginn aufweist und den Weg seines Lebens, den er gerne geht, da er genau spürt, das er jetzt nach vielen Irrwegen auf den rechten Wegen ist und sie einfach nur weitergehen muss.
Er spürt das noch sehr viel Schönes unbekanntes ihn erwarten wird. Das es auch hier Hindernisse geben wird, aber er liebt so sehr, das er einfach nur gehen und leben will. Fortan, ganz bei sich, in diesem Frieden, ohne eine Suche, einfach Leben.

© by Emma Wolff (24.09.2012)



Sonntag, 21. Oktober 2012

Geschichten des Lebens XXXIX – Musik des Herzens




Eine Stimme, die unendlich tief durch sie hindurch strömt und in jeder Faser ihres Körpers zum Schwingen kommt. Ein Beat, der es ihr nur sehr schwer macht, einfach nur zu sitzen. Ein Rhythmus aus dem Sein ihres  Herzens öffnet jede Emotion die in ihr lebt. Schmerz, Freude, Leid, Glückseligkeit, Traurigkeit, doch vor allem, die Liebe zu dem was in ihr zu Leben beginnt. Wie in einem Rausch der Gefühle lässt sie sich in den Klängen fallen. Schritt für Schritt ist in ihr alles Leer und nur noch mit Leben gefüllt. Sie schließt die Augen und verliert sich in Zeit und Raum, um eins zu werden mit allem was sie umgibt. Eine wiederkehrende Hingabe der Gegebenheit. Stille und Inspiration in einem. Alles was in ihr ist sprudelt aus ihr heraus. Sie muss mich bewegen. Wie ein Sufi, drehe sie sich im Kreis und spürt die pure Lebensfreude und Leichtigkeit des Seins. Die ganze Welt könnte sie umarmen. Ja, sie tragen, nur um ihr ein kleines Stück von dem wieder zu geben, was ihr alles geschenkt wurde. All die Energie fließt weiter durch sie hindurch.
Sie ist so sehr bei sich, dass ihr wieder einmal klar wird, dass es keine Fragen gibt, sondern nur Antworten. Dass es keine Probleme gibt, sondern nur ihre Gedanken Probleme machen, denn eigentlich gibt es nur Lösungen, die sie ganz genau vor sich sieht, wenn sie die Gedanken loslässt und ganz im Rhythmus der Musik, dem Schlag ihres Herzens folgt und einfach nur ist. Einfach nur sein in der Liebe die sie erfüllt und aus ihr heraussprudelt. Musik des Herzens die sie teilen muss und möchte. Nein, sie erträgt dieses Glück nicht alleine. Es muss geteilt sein mit dem Menschen den sie liebt. Gibt es eine schönere Form, die Liebe zu zeigen, als das Herz sprechen zu lassen, genau dann, wenn man es nicht erwartet, des anderen seine Liebe und Wärme zu spüren. Wie sehr sehnen sich die Menschen doch nach Liebe. Ja, sie muss ihm zeigen, dass sie ihn Liebe, obgleich er es weiß. Es kann aber nicht oft genug gesagt und gezeigt werden, wie wertvoll alles ist was sie hat. Wie dankbar sie für all das ist, obgleich es von außen betrachtet nicht viel ist. Jedoch es erfüllt sie voll und ganz und macht sie glücklich.
Das will und muss sie teilen. Teilen mit ihm und der ganzen Welt. Nur wie?
Sie schreibt ihm einen Brief. Ja, das ist eine gute Idee. Aber die wirkliche Größe von dem was in ihr wohnt, zeigt es nicht. Die Musik, die Klänge, der Rhythmus fließen weiterhin durch sie. Sie kann nicht anders als zu ihrer Gitarre zu greifen und alles was in ihr ist heraus zu lassen. All die Liebe und Leichtigkeit, all die Kraft und Energie die durch sie strömt kommt zum tragen.
Ja, das soll es sein. So setze sie sich hin und schreibt alles Note für Note auf, um ihm dies mit einem Brief zukommen zu lassen, als kleine Botschaft ihrer Liebe, ihres Glückes am und im Leben, bis sie sich wieder sehen und sie ihm die Klänge ihres Herzens zeigen und spüren lassen kann.

© by Emma Wolff (10.9.2012)



Sonntag, 14. Oktober 2012

Geschichten des Lebens XXXVIII – Sonnenuntergang




Das Radio läuft und ist gerade so laut das es die Fahrgeräusche des Autos übertönt. Dennoch so leise, das sie sich ohne weitere Probleme unterhalten könnten. Jedoch, ist ihnen beiden jetzt lieber nach schweigen. Ihnen ist viel lieber danach, den Klängen zu lauschen, das Zusammensein und die Zeit zu genießen, ebenso wie die letzten Stunden im Grünen und die vielen Gespräche nachwirken zu lassen.

Eine starke Vertrautheit macht sich in ihr breit und sie genießt die Nähe zu ihm, auch wenn sie es nach all den Jahren nicht wirklich greifen kann. Sie möchte den aufkommenden Fragen nicht weiter nachgehen, da diese Augenblicke einfach zu schön sind. Sie sind einfach zum Leben da.

Es gibt keine Zufälle im Leben. Alles was geschieht hat einen Grund. Früher oder Später würde sie, so oder so, den Grund erfahren. Erst recht, wenn sie alles einfach so nimmt wie es ist. Dann bekommt sie die Antworten von ganz alleine, ohne eine eigentliche Frage gestellt zu haben. Es ist viel zu schön. Sie würde mit grübeln nur alles zerstören, dessen ist sie sich sicher. Gleichzeitig, haben die Gespräche sie sehr berührt und manches auch traurig gemacht.
Sie kann viele Menschen und das Leid welches sie sich zufügen, nur aus irgendwelchen egoistischen Intentionen heraus, einfach nicht nachvollziehen. Viele Handlungen und Reaktionen, viele Ängste, welche die Menschen mit und in sich tragen, kann sie dann auch sehr gut verstehen. Sie möchte diesen Menschen so gerne helfen, da sie in diesen Ängsten sonst verkümmern und irgendwie ein Dasein fristen. Es hat nichts mehr mit Leben und Lieben zu tun, sondern gleicht lediglich einem Funktionieren. 
Wie oft möchte sie die Welt besser machen, aber das geht nicht so wie sie es möchte. Es gibt sehr viele Grenzen, die sie kennen lernen musste. Dadurch aber auch all die Möglichkeiten die in ihr stecken. Alleine dieses Wissen erfüllt sie schon sehr mit Liebe. Sie braucht nur auf ihr Herz hören und schon sagt ihre Intuition sehr genau was sie machen kann, um zu Helfen oder einen winzigen Augenblick eines Lebens mit Liebe und Glück zu erfüllen. Jemanden ein offenes Ohr und Gedanken zu schenken oder mit ihm einfach schweigend einen Moment des Friedens teilen.
Frieden und Wärme, das ist es was er jetzt braucht.
Die gemeinsame Zeit die ihnen jetzt noch zur Verfügung steht ist am Vergehen. Wer weiß, wann sie sich nach dem Abschied wiedersehen werden. Sie trägt in sich zwar das Gefühl, das es nicht allzu lange hin sein wird, aber was weiß sie schon.
"Was weiß sie denn schon?", seufzt sie in Gedanken.
Egal ob Jahre oder nur ein paar Wochen oder Monate dazwischen liegen werden, sie möchte ihm noch einen Augenblick schenken, den er lange in sich tragen kann. Ein Augenblick, der ihm genau das gibt, was er jetzt braucht. Etwas, was in ihm weiter Leben kann und er in jeder schweren Zeit davon zehren kann.
Das Auto rollt weiter auf der Autobahn in die Stadt hinein und am Horizont ist zu erkennen, dass die Sonne untergehen möchte. Sofort weiß sie, was sie machen wird. Insgeheim schickt sie noch ein  Stoßgebet ins Universum, das es keinen Stau gibt und sie noch rechtzeitig ankommen werden, bevor die Sonne untergegangen ist. 
„Wenn wir angekommen sind, muss ich dir noch etwas zeigen. Das wird dir gefallen.“, dessen ist sie sich sicher.
Ganz verwundert schaut er sie an. „Was denn?“
„Das ist eine Überraschung.“, und sie lächelt in sich hinein.
Als sie ihr Ziel erreicht haben, bleibt er vor der Wohnungstüre stehen, doch sie läuft an ihm vorbei und weißt ihn an einfach mal mitzukommen. Er stutzt einen kleinen Moment, da eine Treppe höher nichts mehr kommt, jedoch hat er auch nichts dagegen und folgt ihr nach oben. Sie fordert ihn auf durch ein Fenster zu gehen. Sein Blick wird immer skeptischer, jedoch vertraut er ihr so sehr, das er es ohne weitere Worte macht. Da er ihren Blick sieht, weiß er, dass ihn etwas sehr Schönes erwarten wird. So steigt er durch das Fenster und steht auf dem Dach des Hauses.
Der Blick der ihm nun geboten wird, überwältigt ihn sehr. Sie können über die ganze Stadt schauen und er hätte niemals damit gerechnet so etwas mitten in der Stadt zu finden.

All die alten Häuser, die einen in den Straßenschluchten erschlagen wollen, wirken mit einem Mal so klein. Überall sind kleine grüne Oasen zu finden. Die Sonne steht tief am Horizont und hüllt alles in einen orange goldenen Schimmer. Kaum eine Wolke ist am Himmel zu sehen. Ein Ort zum verharren. Dem Himmel ein ganzes Stück näher sein. Ja, einfach nur sein.
Sie setzen sich auf einen Teil der Dachschräge und saugen all das in sich auf. „Diesen Augenblick wollte ich dir unbedingt noch mitgeben, bevor du wieder fahren musst.“, ist ihr einziger Kommentar, zu diesem ganzen.

Schweigend sitzen sie nun dicht beieinander, sehen der Sonne beim untergehen zu, genießen das Zusammensein, die Vertrautheit, die Nähe und den Augenblick, bis sie mit Einbruch der Nacht Abschiednehmen, jedoch nicht ohne das Wissen, das sie die Begegnung mit in den Alltag nehmen und das sie sich bald wiedersehen.

© by Emma Wolff (4.9.2012)






Sonntag, 7. Oktober 2012

Geschichte des Lebens XXXVII – Wolken fliegen




Wir müssen noch warten hat seine Mutter gesagt. Irgendwie kann und möchte er das nicht verstehen. Sie hatten doch einen Termin? Wieso soll er jetzt noch warten? Er will nicht hier sein. Er will nicht warten. Es nervt ihn.
Nun soll er auf einem Stuhl sitzen und warten. Das will er nicht.
Er schaut sich im Raum um. Da ist aber nichts was ihn interessieren könnte. Also beobachtet er seine Mutter und schaut zu wie sie sich eine Zeitschrift aus dem Regal nimmt und einfach zeitvertreibend in dieser Blättert. So schnell wie das geht, kann es nicht sein das sie darin liest. „Sie schaut garantiert nur die Bilder an.“, stellt er für sich fest. Er weiß, dass seine Mutter sonst nie solche Zeitschriften liest. Es langweilt ihn so sehr hier zu sitzen, nur weiß er, dass seine Mutter nicht einfach so wieder gehen würde. Ebenso wie er auch weiß, dass er sich eher Ärger einhandelt, wenn er jetzt meckert und jammert. Seine Mutter mag das nicht. Vor allem in solchen Situationen, die sie nicht ändern kann. Also schaut er abermals im Raum herum und betrachtet alles ganz genau. Nur irgendwie will die Zeit nicht vergehen. Es bleibt ihm nichts anders übrig, als weiter zu warten.

Er steht auf und geht zum offenen Fenster. Er legt seine Arme auf die Fensterbank, verschränkt seine Hände und legt ganz vorsichtig sein Kinn darauf. Er beobachtet wie die Bäume sich durch den Wind bewegen. Sie sind schon nicht mehr ganz so grün. Einige von ihnen haben schon farbige Blätter. Hin und wieder sieht er, wie diese von den Bäumen fallen, durch den Wind nach oben getrieben werden, herumwirbeln um dann irgendwann ganz sanft zu Boden fallen. Immer wieder betrachtet er einzelne tanzende Blätter in der Luft. Er möchte irgendwann auch einmal fliegen können. Eigentlich findet er es sehr schade das Menschen nicht fliegen können, so wie die Vögel. Ohne in einem Raum zu sein, ohne eine Maschine, so wie es diese Blätter tun. Einfach fliegen und schweben und den Wind direkt auf der Haut spüren. Er würde sich als aller erstes die Stadt von oben anschauen. Er möchte sein Haus einfach mal von oben sehen. Die Wege, die er jeden Tag läuft mal abfliegen. Ja, das wäre schön. Er stellt sich aufrecht vor das Fenster, breitet die Arme aus und schließt die Augen. Hin und Wieder kann er den Wind spüren. Er holt ganz tief Luft. Mit einem Mal fühlt sich alles ganz anders an. Er spürt den Boden unter seinen Füßen nicht mehr und es ist als würde ihn etwas nach oben ziehen. Ihm wird etwas komisch zu Mute und öffnet ganz schnell die Augen. Sofort bemerkt er, dass er schwebt und immer höher treibt. Wie in einem Fahrstuhl wird er von der Luft ganz sachte immer weiter nach oben gedrückt. Er ist so fasziniert und vor Freude verblüfft, dass er nur noch staunen kann. Er fliegt.
Endlich, fliegt er in den  Himmel zu den Wolken. Endlich geht sein größter Traum in Erfüllung. Auf einer Wolke hört seine Reise nach oben auf. Er kann sich ganz beruhigt auf ihr nieder lassen. Er legt sich auf seinen Bauch, legt wie auf der Fensterbank seinen Kopf auf seine verschränkten Hände und schaut nach unten. So gleitet er hoch oben sanft auf der Wolke den blauen Himmel entlang und kann die Dächer der Stadt von oben betrachten. Er liegt einfach nur da und schaut zu, wie alles an ihm vorbei zieht. Seine Augen strahlen und er ist so begeistert, das Alles noch schöner aussieht, als er es sich vorgestellt hatte.

Mit einem Mal erschrickt er, da er eine Hand auf seiner Schulter spürt. Und ganz dumpf im Hintergrund hört er die Stimme seiner Mutter. „Na bist du wieder am Träumen? Das Warten ist zu Ende. Du bist jetzt dran.“
Ja, er hat geträumt, aber es war ein so schöner Traum, das er nichts anderes sagen kann als... „Eines Tages werde ich zu den Wolken fliegen.“

© by Emma Wolff (31.8.2012)



Sonntag, 30. September 2012

Geschichten des Lebens XXXVI – Geträumte Realität




Jäh wird sie aus dem Schlaf gerissen. Wie benommen versucht sie sich in der Dunkelheit zu Recht zu finden. Alles war nur ein Traum. Für einen Moment bemüht sie sich die Bilder in ihrem Kopf zu sortieren, um zu erfahren was dieser Traum ihr sagen wollte. Jedoch es gelingt ihr nicht. Schon nach wenigen Augenblicken ist sie wieder eingeschlafen. Als der Wecker klingelt, weiß sie, dass irgendetwas geschehen wird. Schon wieder hat sie geträumt. Es waren dieselben Menschen darin vorhanden, wie im ersten Traum der Nacht. Nur wie weit sollte sie dies interpretieren oder ganz und gar versuchen zu analysieren. Gleichzeitig steigt ihr ihre Fähigkeit zu Träumen ins Bewusstsein. Es schaudert sie. Sie entschließt sich lieber aufzustehen und den Träumen nicht ganz so viel Bedeutung zu schenken.

Je mehr Zeit an diesem Tag vergeht, umso mehr wird sie verfolgt. Alles in diesem Traum war so realistisch. Warum waren gerade diese Menschen so sehr präsent.
„Nein ich lasse mich überraschen. Sie werden nicht gleich vor mir stehen. Wahrscheinlich haben sie nur an mich gedacht, oder sie melden sich einfach nur mal, nach langer Zeit. Aber wieso gerade er? Warum ist es nicht jemand anderes? So viele Jahre liegen dazwischen. Und, auch wenn sie den Kontakt wieder aufgenommen haben. Sollte es ihm nicht gut gehen? Sie kann auch nicht einfach anrufen und fragen was los ist. Nein, das geht nicht. Das wäre zu viel des Guten. So oder so, sie muss abwarten was kommt.“
Sie freut sich immer mehr aufs Wochenende, welches nach Feierabend beginnt. Anstrengende Tage liegen hinter ihr. Sie wünscht sich nichts weiter als Ruhe. Ruhe, Frieden und Zeit. Sie ist schon richtig in der Stimmung dafür. Selbst die Aufgaben, die sie an diesem Tage zu erledigen hat, stimmen sie regelrecht auf die kommenden Tage ein.
Am Nachmittag genießt sie einfach nur ihr sein. Sie läuft eine Runde durchs Grüne und irgendwann setzt sie sich an einen See. Sie schließt die Augen und genießt die wärmenden Strahlen der Sonne. Genießt den Wind der ihre Haut berührt und lauscht wie er die Blätter an den Bäumen zum rascheln bringt. Hin und wieder vernimmt sie ein plätschern des Wassers, welches entsteht wenn die Enten aufsteigen wollen. Sie fühlt sich sehr wohl in diesem Augenblick und spürt noch einmal mehr ihre Liebe zum Leben. Die Gedanken hat sie großteils losgelassen. Nur hin und wieder sind ihr Traum und die Menschen darin, vor allem die Frage warum Er, immer wieder in ihrem Raum. Obgleich sie es schafft es immer wieder weiterziehen zu lassen, von sich zu schütteln, so kommen sie immer wieder zurück. Vielleicht sollte sie dem doch mehr Beachtung schenken, denn wieso verfolgt sie das ganze sonst so sehr.
Am Abend beschließt sie nicht auszugehen, sich etwas schönes zu kochen, um es sich dann später mit einem schönen Buch und einem Glas Wein gemütlich zu machen und die Ruhe und Stille um sich herum voll und ganz zu genießen.
Gerade als sie die Küche betritt, klingelt es an der Tür. Sie hat keine Ahnung wer das ist. Erwarten tut sie auch niemanden, aber wer weiß. So drückt sie den Türöffner und wartet auf die Dinge die da kommen sollten. Durch die Türe vernimmt sie wie jemand die Treppe hinauf geht. Sie wirft noch einen ganz kurzen Blick in den Spiegel, winkt aber gleichzeitig ab.
„Es ist egal wie ich jetzt ausschaue, es ist sowieso zu spät etwas daran zu ändern.“
Als es abermals an der Tür klingelt, macht sie diese auf und kann ihren Augen kaum trauen was sie sieht. Er steht vor ihr, genauso wie im Traum der letzten Nacht. Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken, so surreal erscheint ihr das alles. Sie versucht dies zu verbergen und begrüßt ihn mit einer Umarmung. Jetzt kann sie auch wirklich glauben, dass er wahrhaftig vor ihr steht. Sie folgt ihrer Intuition, geboren in dem Traum, bittet ihn herein und kann sich der Begegnung, der Zeit und auch ihm voll und ganz hingeben, denn sie weiß das alles was in diesem gemeinsamen Momenten geschieht, wundervoll sein wird.



© by Emma Wolff (4.9.2012)

Sonntag, 23. September 2012

Geschichten des Lebens XXXIV - Fünf Minuten II




Mit einem Mal hört sie ein lautes Poltern und Knallen im Flur. Sie schrickt regelrecht auf und springt von ihrem Stuhl. Sie möchte gerne nachschauen was los ist. Noch bevor sie sich richtig erhoben hat und den ersten Schritt in Richtung Türe machen kann, springt diese mit aller Gewalt auf. Er steht in einem Rausch von Wut und Alkohol vor ihr. Bevor sie sich versehen kann kommt er auf sie zugestürmt. Im vorbei gehen greift er nach dem ersten Messer, welches auf der Anrichte liegt. Alles geht unheimlich schnell. Wie angewurzelt bleibt sie neben dem Stuhl stehen und hält sich hinter ihrem Rücken am Tisch fest. Angst und Panik wollen sich in ihr breit machen. Gleichzeitig fühlt sie sich wie betäubt und ist zu keinem klaren Gedanken in der Lage. Sie steht einfach nur da. Alles geht so stürmisch und ungestüm, dass sie dem Ganzen kaum folgen kann. Bis er mit dem Messer direkt vor ihr steht und es erhebt. Sie sich fühlt sich hilflos und gefangen. Ohne darüber nachzudenken, legt sie die Hände, die sich gerade zuvor noch im Tisch festkrallten, schützend vor ihren Bauch. Als würde sie sich und das Kind so besser festhalten können. Ihre Blicke treffen sich. Sie kann nichts anderes tun als seinem stand zu halten. Der kalte Ausdruck, die Wut, der Zorn und der Dämon des Alkohols sprechen ihre ganz eigene Sprache in seinen Augen. Ein kalter Schauer der Angst läuft ihr den Rücken herunter. Ihr ganzer Körper spannt sich so sehr an, das sie den Eindruck hat die Knie würden durchbrechen. Das Gefühl sie würde einfach umfallen. Jedoch ist sie gleichzeitig so gelähmt, das nichts dergleichen passiert. Sie verfolgt ihn mit den Augen. Immer näher kommt er an sie heran. Er schreit sie in seinem immer stärker werdenden Zorn an.
„Du hast mein Leben versaut! Du bist schuld an allem was mir widerfährt!“ Er ist gefangen im Wahn des Alkohols und schmettert es ihr mit aller Macht die freigesetzt wird entgegen.
In ihr herrscht absolute Leere. Kein Gedanke kommt in ihr zum tragen. Kein Gedanken, was sie jetzt machen könnte, um schlimmeres zu verhindern. Kein Gedanke, was sie antworten oder entgegnen könnte. Sie steht einfach nur wie gebannt da und lässt den Blick nicht von seinen, in der kaum wahrnehmbaren Hoffnung, dass es endlich vorbei geht. Das diese Szene ihres Lebens irgendwie vorbei geht. Jedes Gefühl für Zeit ist verloren. Alles rennt an ihr vorbei, dass es für sie zu surreal wirkt. Selbst wenn er jetzt zustechen würde, so wäre es jetzt vorbei. Es soll zu Ende gehen. Egal wie aber es soll Schluss sein.
In diesem Moment wird die Türe aufgerissen. Seine Mutter die einfach nur mal nach dem Essen schauen wollte, ist entsetzt über das, was sie sieht. Sie stürmt auf ihren Sohn und entreist ihm das Messer.
„Bist du des Wahnsinns?!“ schreit sie ihm entgegen.
Erst jetzt lässt er von ihr ab. Ohne ein weiteres Wort verlässt er mit seiner Mutter den Raum. Sie hingegen bleibt dabei alleine zurück.

Alle Anspannung der letzten Sekunden und Minuten fallen mit einem Male von ihr ab. Sie sackt auf den Stuhl zusammen, auf dem sie vorhin noch so friedlich gesessen hatte. Sie fühlt sich wie in Trance. Das gerade erlebte kann sie in keiner Weise realisieren. Absolute Leere ist in ihr. Kein Gedanke, keine Frage und kein Wort. Sie verspürt nur starke stechende und ziehende Schmerzen, die sich über ihren ganzen Bauch ausbreiten.
In sich ist sie vollkommen ruhig und weiß sofort in diesem gegenwärtigen Moment was zu tun ist. Sie sieht ganz klar die Lösung, auf all die vorherigen Fragen, vor sich stehen. Ohne auch nur kurz zu zögern, müht sie sich mit ihren Schmerzen hoch und läuft in den Flur, greift nach ihrer Tasche und öffnet ohne einen weiteren Gedanken um andere die Haustüre, welche auch sofort hinter ihr wieder ins Schloss fällt.
Mit dem Wissen das sie diese Wohnung und dieses Haus nie wieder betreten, diesen Teil ihres Lebens hinter sich lassen wird, holt sie ganz tief Luft und betritt die Straße, die sie in ihr weiteres und neues Leben, mit ihrem Kind entlang führen soll.


© by Emma Wolff (30.12.2010)


Sonntag, 16. September 2012

Geschichten des Lebens XXXIII - Fünf Minuten




Ein schwüler heißer Frühsommertag neigt sich seinem Ende entgegen. Die Hitze der Stadt scheint sich nicht legen zu wollen. Nur in die Dachgeschosswohnung kann ab und zu ein warmer Windhauch gelangen. Alle Fenster sind geöffnet. Das Licht, welches von draußen herein fällt, schimmert golden von der sich zum untergehen bereit machenden Sonne.
Immer wieder fällt ihr Blick über die Dächer der Stadt und sie freut sich auf die Abkühlung, die in ihrer Hoffnung die Nacht mit sich bringen wird. Ein lieblich süßer Duft liegt im Raum. Der Anblick der dunkelroten Erdbeeren in Verbindung mit all den wundervollen Gerüchen in ihrer Küche, lässt all ihre Sinne in Vorfreude auf das Essen beflügeln. Sie fühlt sich wie in einem Glücksrausch. Hin und wieder durchfährt ihren Bauch ein Kribbeln. Sie verspürt die kleinen feinen Bewegungen in ihrem Leib, die sie ganz und gar mit Liebe erfüllen. Immer wieder unterbricht sie ihre Arbeit, legt behutsam die Hände auf ihren Bauch und möchte so schon Kontakt mit dem ungeborenen Kind aufnehmen, welches sie gerade in sich trägt. Zu gerne möchte sie sich all dem Ganzen einfach nur so hingeben. Jedoch so richtig scheint ihr das nicht zu gelingen. Ihre Gedanken kreisen dafür in zu verschiedenen Bahnen.
Was wird die Zukunft ihr bringen? Wie soll alles werden? Angst und Zweifel machen sich immer wieder in ihr breit. Sie weiß, dass sie etwas ändern muss. Jedoch sie weiß nicht, wie es in der Realität funktionieren soll. Zu unheimlich wird das Leben, welches sie umgibt. Auf der einen Seite freut sie sich unendlich auf das Kind. Aber auf der anderen? Wenn sie alles ganz nüchtern betrachtet, so stimmt rein gar nichts. Zu unberechenbar ist alles geworden. Zumindest erscheint ihr das so. Oder sollte das Leben einfach so sein?
Wie sollte das Leben denn sein? Stellt sie einfach nur zu viele Ansprüche an sich und das Leben? Sie möchte einfach nur das ihr Kind in Frieden und Harmonie aufwächst und ohne Angst und Gewalt. Es ist, als wenn sie vor einer Mauer steht und keine Antworten finden kann.
Kompromisse!
Sollte sie mehr Kompromisse eingehen? Doch alles was sie macht und tut empfindet sie als einen großen Kompromiss. Ein Kompromiss bestehend aus ganz vielen kleinen Kompromissen.
Alternativen?
In regelmäßigen Abständen suchte sie schon nach Alternativen. Gibt es jene überhaupt?  Egal wie sie es dreht und wendet, jede Variante, jede auch nur gedachte und durchgespielte Entscheidung würde schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Sie schüttelt für sich abermals den Kopf in ihrem Zwiegespräch der Gedanken.
Nein. Für sie steht fest, dass es so nicht weiter gehen kann. Auch wenn sie das „Wie“ in diesem Augenblick noch nicht erkennen kann, so ist sie sich sicher, dass sich das auch noch finden wird. Jetzt möchte sie sich lieber wieder auf das Essen und die wunderbar duftenden Erdbeeren freuen und den begonnenen Abend in Ruhe genießen, verweilend in der Hoffnung, das die Nacht etwas Abkühlung bringt.
Aus dem Nebenraum sind leise Geräusche zu vernehmen. Sie ist nicht alleine zu Hause. Ihre Schwiegermutter ist im Wohnzimmer und schaut TV. Natürlich würde sie sich gerne etwas unterhalten, aber solange sie in der Küche zu tun hat, wird dies nur ein Wunsch bleiben. Dementsprechend gibt sie sich dieser Illusion gar nicht erst hin und macht weiter ihre Dinge.
In welch einem Zustand wird er wohl wieder sein, wenn er nach Hause kommt. Es ist schon relativ spät und er müsste jeden Moment ankommen. Die Angst und das Unbehagen breiten sich wieder in ihr aus. Schwermütig, ohne die vorherige Leichtigkeit und Freude, holt sie tief Luft und setzt sich erschöpft auf einen Stuhl. Sie fühlt sich mit einem Mal so müde und ausgezehrt.
Sie streichelt sich über den Bauch und spürt das Kind, welches in ihr heranwächst. Sie hat sich noch niemals zuvor so sehr als Frau gefühlt, wie in der Zeit der Schwangerschaft. In dem Zeitraum, in dem neues Leben in ihr heranwächst und sie etwas erleben darf, was nur Frauen vorbehalten ist. Es ist für sie schwer so etwas in Worte zu fassen, also gibt sie sich dem Gefühl hin und lebt es auch voll und ganz aus, soweit es ihr der Moment zulässt.

Mit einem Mal hört sie ein lautes Poltern und Knallen im Flur.....


Fortsetzung folgt....


© by Emma Wolff (30.12.2011)