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Sonntag, 2. Dezember 2012

Geschichten des Lebens XLV – Wie sag ich es meinem Kind




Weihnachten wird es in diesem Jahr nicht geben!“, fertig Punkt aus.
Nein, dass kann sie nicht machen. Das wäre ein zu großer Schock für ihr Kind. Aber was soll sie sagen? Soll sie ganz hart sein und die Ängste schüren? Wessen Ängste? Sie hat doch selber panische Angst vor dem was kommen wird. Das ausgerechnet jetzt.
Es gibt kleine Auffälligkeiten auf dem Bild. Wir werden zur Sicherheit eine Biopsie durchführen. Aber machen sie sich keine Sorgen. Es ist nur Routine.“, hatten sie gesagt.
Leider müssen wir noch ein paar Gewebeproben nehmen, aber es ist nur zur Sicherheit. Also kein Grund zur Besorgnis.“, hatten sie beim nächsten Mal gesagt.
Ach da wird nichts schlimmes sein, sonst hättest du die Ergebnisse schon längst.“, hatte ihre Freundin gesagt und wollte mit den Worten beruhigen.
Alle haben ihr irgendetwas gesagt, aber am Ende muss sie da alleine durch. Keiner hat ihr gesagt, wie man sich keine Sorgen machen soll, wenn die Gefahr droht. Keiner hat ihr gesagt, wie sie mit der Angst leben soll. Keiner hat ihr gesagt, was kommen könnte. Alle haben versucht es runter zuspielen. Aber sie hat es gespürt. Ja, sie hat es gewusst.
Nur wie sage ich es meinem Kind? Wie sage ich meinem Kind, das ich bald nur noch eine Brust haben werde? Wie sage ich meinem Kind, das ich Krebs habe? Wie sage ich ihm, das ich Weihnachten nicht bei ihm sein kann? Das es nicht das Fest geben wird, wie er es kennt. Wie sage ich meinem Kind, das die Ärzte nicht wissen, wie es wirklich um mich steht? Wie sage ich meinem Kind, all diese ganzen Sachen, ohne dass er Angst haben wird? Angst vor mir. Angst vor dem Leben. Angst vor dem Krebs. Angst vor dem Sterben. Er musste schon oft miterleben, wie Menschen sterben. Er hat so viele Ängste, da kann ich jetzt nicht mehr sein. Ich muss ihn doch beschützen. Ich muss ihm Sicherheit geben. Ich muss eine Mutter für ihn sein. Nur wie kann ich eine Mutter sein, wenn ich diesen Kampf durchleben muss? Wie kann ich es schaffen, für ihn ein ganz normales Leben zu gestalten, ohne dass er etwas mitbekommt? Ich möchte, dass er eine wundervolle Adventszeit verbringen kann. Ich möchte für ihn da sein. Ich möchte für ihn die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen.
Aber wie?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß es nicht.“

Sie ist so verzweifelt, weil sie Angst hat vor dem was kommen wird. Sie möchte keinen Schmerz und Kummer bereiten. Sie weiß aber auch ganz genau, das ihr Sohn etwas spürt. Das sie es nicht verheimlichen kann. Sie kann nicht einfach den Kampf aufnehmen, ohne dass er davon Bescheid weiß. Was wäre, wenn sie es nicht schafft? Wäre das nicht viel schlimmer? Sie war immer sehr offen und ehrlich zu ihm. Die schwierigsten Themen haben sie schon einmal besprochen. Also, wieso sollte er das jetzt nicht auch verstehen? Vor allem, wie soll er sonst verstehen, wenn sie lange im Krankenhaus ist? Wenn es ihr nicht gut geht? Wenn sie zusammen keine Plätzchen backen können oder er mit seinem Papa alleine unterm Weihnachtsbaum sitzt?

Alleine der Gedanke daran, dass sie jedem Moment dieses schwere Gespräch führen soll, lässt sie Schweißausbrüche bekommen.
Gleich nach dem Mittagessen spricht sie mit ihm und erklärt ihm ganz genau was los ist. Sie versucht es so genau und sachlich zu halten, wie es nur geht. All seine Fragen versucht sie zu beantworten. Sie ist sehr erstaunt darüber, wie erwachsen er mit dem Thema umgeht. Alleine dieses Erleben, zwingt sie gegen die Tränen anzukämpfen. Nein, sie möchte nicht vor ihm weinen. Sie weiß aber jetzt ganz genau das sie diesen Kampf, egal wie, überleben wird und spürt dies tief in ihrem Herzen, als der Kleine aufsteht, sie in den Arm nimmt und fest an sich drückt, während er ihr ins Ohr flüstert.
Das wird ein ganz tolles Weihnachten. Es ist egal ob hier oder in der Klinik. Wir werden Zusammensein.“

© by Emma Wolff (25.09.2012)




Sonntag, 25. November 2012

Geschichten des Lebens XLIV – Hier und Jetzt, Leben.




Tod und Geburt. Wenn ihr eines Bewusst wird, dann das dies noch näher beieinander liegen, als sie vor ein paar Jahren noch glaubte. In dem einen Moment bekommt sie die Nachricht, dass jemand gestorben ist und im nächsten Augenblick, werden Freunde endlich Eltern und präsentieren ihr das gerade geborene Kind. Freude und Trauer liegen neben einander und je älter sie wird, desto mehr nimmt sie das wahr. Nur mit dem Unterschied, das die Nachrichten von Verstorbenen immer häufiger erreichen, oder ist es ihr vorher nur nicht so bewusst aufgefallen?
Liegt es am Alter?
Jedenfalls gehen ihr die Todesanzeigen immer sehr nahe und es fällt ihr immer schwerer sich über die Geburt zu freuen. Zumindest kann sie es nicht so zeigen und teilen, wie sie es möchte. Natürlich freut sie sich über dies neu begonnene Leben, allerdings die Trauer über den Verlust von Menschen überwiegt so dermaßen, dass sie damit zu sehr beschäftigt ist. Selbst auf die Frage, wieso es so ist, hat sie schon lange eine Antwort gefunden. Es ist die Demut vor dem Leben und das Wissen um die Vergänglichkeit des Lebens. Die Vergänglichkeit der Zeit. Der Verfall des Daseins, ihres Seins. Jede dieser Botschaften gehen ihr durch Mark und Bein. Sie wundert sich noch nicht einmal mehr, warum alle in den letzten Monaten dieselbe oder eine ähnliche Ursache hatten. Ebenso, wie es sie nicht mehr wundert, dass die meisten von ihnen vorher Kerngesund waren. Und dennoch hat ihr Herz einfach aufgehört zu schlagen. Sei sind alle einfach entschlafen. Dadurch wurde ihr immer bewusster, das der Tod, vor nichts und niemanden halt macht. Erst recht nicht vor dem Alter.

Das macht ihr Angst und im ersten Moment lähmt es sie. Sie ist gelähmt, von der Nachricht, denn sie wurden immer jünger. Der Tod hatte ihr Alter erreicht, ebenso wie sie Angst davor hat, das sie das Leben nicht wirklich genutzt hat. Hat sie es genutzt so wie es vorhergesehen war, oder hat sie ihre Zeit in irgendwelchen Kämpfen verschwendet, die ihr meist selber Leid zufügen. Hat sie den Menschen und Wesen um sich herum auch die Liebe und Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen, die sie brauchen, oder ist sie einfach über alles hinweg gegangen?

Heute fragt sie sich diese Fragen nicht mehr. Nein, sie versucht jede dieser Botschaften für sich zu nutzen und daraus mitzunehmen, was sie kann. Wobei ihr immer mehr bewusst wird, wie kostbar und wie wertvoll das Leben ist. Wie vergänglich und unberechenbar die Zeit ist.
Jedes Mal stellt sie sich dem Schmerz der Trauer und der Gehemmtheit, die die Angst ihr initiiert. Sie will darin nicht vergehen. Sie will leben. Sie will in der Angst nicht verharren, sondern die Zeit die ihr noch bleibt nutzen, da sie nicht weiß, wie viel es noch sein wird. Das Einzige was sie weiß ist, das sie auf viele Dinge keinen Einfluss hat und alles seinen Grund hat. Sie ist in der Gewissheit, dass in dem auch eine Aufgabe liegt. Sobald sie spürt, das sich etwas ändert, das sie etwas Ändern muss, das sie auf ihrem Weg abbiegen muss, dann nutzt sie die Möglichkeit, da die Zeit eben zu knapp und das Leben zu wertvoll ist. Das ist das Einzige was sie hat und das will sie nutzen.

Sie will Liebe schenken und teilen. Sie möchte die Aufgaben die sie finden, nehmen und nur ein erfülltes Leben führen. Sie besinnt sich auf das Notwendigste und den Sinn in ihrem Leben. Am liebsten möchte sie diese Erfahrungen an alle Menschen weitergeben. Nur das ist ihr nicht gegeben. Was ist ihr gegeben? Sie kann einfach nur da sein und kann versuchen zu helfen. Sie kann versuchen zu leben, in der Hoffnung, dass es immer mehr Menschen erkennen. Das sie erkennen, dass all ihre Ängste, geboren aus ihren Erfahrungen nur Gedanken und Projektionen sind. Das diese sie hemmen kontinuierlich wahrhaft zu leben und zu lieben. Das sie die Möglichkeiten des Lebens und der Liebe einfach nutzen und nicht die Angst, die so genannte Vernunft all das nimmt, was sie erfüllt.
Ja, das weiterzugeben. Die Menschen mit Augenblicken zu erfreuen. Ihnen Liebe zu schenken und die Aufgaben die sich in dem Moment des Lebens stellen, zu nehmen. Die Zeit zu nutzen. Einfach, Hier und Jetzt zu leben.


© by Emma Wolff (25.09.2012)






Sonntag, 11. November 2012

Geschichten des Lebens XLII – Der letzte Tag




Ihre Augen brennen. Ihr Kopf schmerzt. Sie fängt immer wieder an zu weinen. Sie möchte schlafen, nicht weinen. Sie spürt den Atem ihrer Mutter, die vor Erschöpfung eingeschlafen ist. Ihr Blick fällt zum Dachfenster hinaus und sieht die letzten Sterne der Nacht an. Alles in ihrem Kopf ist leer. Sie verspürt nur diesen unsagbaren Schmerz in ihrer Brust. Sie kann nicht glauben was geschehen ist. Sie weiß nicht, ob sie wütend sein soll oder ob sie einfach nur weiter weinen soll. Alles was geschehen ist, darf nicht wirklich sein. Das wünscht sie sich so sehr.
Sie möchte jetzt am liebsten allem entfliehen und hoch zu den Sternen fliegen. Vielleicht kann sie dann auch Antworten finden. Sie möchte alles ungeschehen machen? Aber was? Sie weiß doch nichts. Eigentlich müsste er jetzt hier sein und nicht auf irgend so einem Stern.
Sie spürt wie die Wut in ihr hochsteigt und gleichzeitig überfällt sie die Angst. Die Tränen steigen ihr wieder in die Augen und ihr Blick auf die Sterne verschleiert sich. Der Schmerz über den Verlust erscheint ihr unerträglich. Wie soll sie das überleben? Vielleicht muss sie das ja auch nicht, denn dann wäre sie wieder bei ihm.
Aber ihre Mama? Was soll dann aus ihrer Mama werden? Sie spürt wie die Tränen über Wange laufen und sie der Schmerz rütteln möchte. Sie möchte ihre Mutter nicht aufwecken, deswegen versucht sie ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Vor ihrem geistigen Auge erscheinen die letzten Momente des gemeinsamen Erlebens.
Er stand auf der Straße, lachte und winkte ihr zu. Sie wollte mit ihre Mutter nur noch etwas holen und danach wollten sie in Urlaub fahren. Sie freute sich so sehr auf diese Zeit. Er sah auch so glücklich aus. Sie konnte die Zeit kaum abwarten und als sie zurückkamen, war er nicht mehr da. Er war einfach eingeschlafen. Ist einfach nicht mehr da, einfach weg.
So vieles wollten sie noch machen.
Sie hat mitbekommen, wie einige sagten, das sie ja kein kleines Kind mehr ist und das schon schaffen wird. Ja. Sie ist kein kleines Kind mehr, aber sie ist noch ein Kind. Wie soll sie ohne ihren Vater Groß werden?
Sie spürt wie ihre Mutter sie wieder ganz nah an sich ran zieht. Das tut gut. Sie fühlt sich dadurch nicht ganz so alleine auf dieser Welt. Allmählich lassen auch die Tränen wieder nach und sie kann die Sterne wieder erkennen.
Vielleicht sitzt er jetzt da oben und schaut auf mich herab. Vielleicht ist er jetzt mein Engel, der immer für mich da ist.“
Es ist, als würde sie ihn noch einmal ganz nahe bei sich spüren.
Wie der Morgen langsam anbricht, ist auch in ihr für eine Weile Frieden eingekehrt und sie schläft sanft ein, ohne die Gedanken an den hereinbrechenden Tag.


© by Emma Wolff (24.09.2012)




Sonntag, 23. September 2012

Geschichten des Lebens XXXIV - Fünf Minuten II




Mit einem Mal hört sie ein lautes Poltern und Knallen im Flur. Sie schrickt regelrecht auf und springt von ihrem Stuhl. Sie möchte gerne nachschauen was los ist. Noch bevor sie sich richtig erhoben hat und den ersten Schritt in Richtung Türe machen kann, springt diese mit aller Gewalt auf. Er steht in einem Rausch von Wut und Alkohol vor ihr. Bevor sie sich versehen kann kommt er auf sie zugestürmt. Im vorbei gehen greift er nach dem ersten Messer, welches auf der Anrichte liegt. Alles geht unheimlich schnell. Wie angewurzelt bleibt sie neben dem Stuhl stehen und hält sich hinter ihrem Rücken am Tisch fest. Angst und Panik wollen sich in ihr breit machen. Gleichzeitig fühlt sie sich wie betäubt und ist zu keinem klaren Gedanken in der Lage. Sie steht einfach nur da. Alles geht so stürmisch und ungestüm, dass sie dem Ganzen kaum folgen kann. Bis er mit dem Messer direkt vor ihr steht und es erhebt. Sie sich fühlt sich hilflos und gefangen. Ohne darüber nachzudenken, legt sie die Hände, die sich gerade zuvor noch im Tisch festkrallten, schützend vor ihren Bauch. Als würde sie sich und das Kind so besser festhalten können. Ihre Blicke treffen sich. Sie kann nichts anderes tun als seinem stand zu halten. Der kalte Ausdruck, die Wut, der Zorn und der Dämon des Alkohols sprechen ihre ganz eigene Sprache in seinen Augen. Ein kalter Schauer der Angst läuft ihr den Rücken herunter. Ihr ganzer Körper spannt sich so sehr an, das sie den Eindruck hat die Knie würden durchbrechen. Das Gefühl sie würde einfach umfallen. Jedoch ist sie gleichzeitig so gelähmt, das nichts dergleichen passiert. Sie verfolgt ihn mit den Augen. Immer näher kommt er an sie heran. Er schreit sie in seinem immer stärker werdenden Zorn an.
„Du hast mein Leben versaut! Du bist schuld an allem was mir widerfährt!“ Er ist gefangen im Wahn des Alkohols und schmettert es ihr mit aller Macht die freigesetzt wird entgegen.
In ihr herrscht absolute Leere. Kein Gedanke kommt in ihr zum tragen. Kein Gedanken, was sie jetzt machen könnte, um schlimmeres zu verhindern. Kein Gedanke, was sie antworten oder entgegnen könnte. Sie steht einfach nur wie gebannt da und lässt den Blick nicht von seinen, in der kaum wahrnehmbaren Hoffnung, dass es endlich vorbei geht. Das diese Szene ihres Lebens irgendwie vorbei geht. Jedes Gefühl für Zeit ist verloren. Alles rennt an ihr vorbei, dass es für sie zu surreal wirkt. Selbst wenn er jetzt zustechen würde, so wäre es jetzt vorbei. Es soll zu Ende gehen. Egal wie aber es soll Schluss sein.
In diesem Moment wird die Türe aufgerissen. Seine Mutter die einfach nur mal nach dem Essen schauen wollte, ist entsetzt über das, was sie sieht. Sie stürmt auf ihren Sohn und entreist ihm das Messer.
„Bist du des Wahnsinns?!“ schreit sie ihm entgegen.
Erst jetzt lässt er von ihr ab. Ohne ein weiteres Wort verlässt er mit seiner Mutter den Raum. Sie hingegen bleibt dabei alleine zurück.

Alle Anspannung der letzten Sekunden und Minuten fallen mit einem Male von ihr ab. Sie sackt auf den Stuhl zusammen, auf dem sie vorhin noch so friedlich gesessen hatte. Sie fühlt sich wie in Trance. Das gerade erlebte kann sie in keiner Weise realisieren. Absolute Leere ist in ihr. Kein Gedanke, keine Frage und kein Wort. Sie verspürt nur starke stechende und ziehende Schmerzen, die sich über ihren ganzen Bauch ausbreiten.
In sich ist sie vollkommen ruhig und weiß sofort in diesem gegenwärtigen Moment was zu tun ist. Sie sieht ganz klar die Lösung, auf all die vorherigen Fragen, vor sich stehen. Ohne auch nur kurz zu zögern, müht sie sich mit ihren Schmerzen hoch und läuft in den Flur, greift nach ihrer Tasche und öffnet ohne einen weiteren Gedanken um andere die Haustüre, welche auch sofort hinter ihr wieder ins Schloss fällt.
Mit dem Wissen das sie diese Wohnung und dieses Haus nie wieder betreten, diesen Teil ihres Lebens hinter sich lassen wird, holt sie ganz tief Luft und betritt die Straße, die sie in ihr weiteres und neues Leben, mit ihrem Kind entlang führen soll.


© by Emma Wolff (30.12.2010)


Sonntag, 8. Juli 2012

Geschichten des Lebens XXIV – Los Gelassen




„Sie ist tot.“
So unerwartet wie diese Worte auf sie einprallten, so unfassbar scheinen sie in ihr zu wirken. Alle Gedanken sind verschwunden. Alles zieht wie in einem Film an ihr vorbei. Ihr ist schwindlig. Sie kann nicht wirklich für sich realisieren, was geschehen sein soll. Gleichzeitig kehrt in sie eine so große Stille ein, wie sie es nur in sehr wenigen und ganz besonderen Momenten erlebt hat. Sie fühlt sich traurig, aber es ist kein Schmerz. Sie nimmt wahr, dass jemand einfach so und viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde, doch sie spürt keinen Schmerz. Selbst der Gedanke, dass es jeden, zu jeder Zeit treffen kann, nimmt sie in sich auf und wahr, aber sie verspürt keine Angst. Sie ist einfach Leer.
Die Fassungslosigkeit über diese Nachricht ist zu überwältigend. Was für Worte soll sie jetzt finden, für die engsten Familienangehörigen, obgleich sie ebenso zur Familie gehört. Sie verspürt großes Mitgefühl, aber sie kann es nicht äußern. Nicht sofort und in diesem Augenblick, da sie es für sich erst realisieren muss. Vorher kann sie es nicht so mitteilen wie man es von ihr erwartet. Erwartet man wirklich irgendetwas von ihr?
Sie sitzt stundenlang auf ihrem Bett und schaut einfach nur aus dem Fenster. Alles zieht einfach so an ihr vorbei und kaum ein Gedanke ist zu greifen. Sie verspürt nur, dass in ihr etwas geschieht, was sie in solch einer Situation noch nie erlebt hat. Normalerweise weint sie und spürt eine große Trauer über den Verlust eines Menschen. Nur dieses Mal ist es anders. Oder ist sie schon so abgestumpft, auf Grund der vielen Beerdigungen auf denen sie in ihrem Leben schon war. Sie spürt in sich einen kleinen Moment nach. Nein, es lässt sie nicht kalt, denn es arbeitet in ihr ungemein. Nur kann sie es nicht in Worte fassen, geschweige denn, dass sie einen Gedanken zu greifen bekommt. Also lässt sie alles in sich weiter geschehen.
Diese Leere, ist nicht diese Schwere über den Verlust eines Menschen. Nein. All ihre Kämpfe, die sie bis zum Eintreffen dieser Nachricht in sich getragen hat, haben sich mit einem Schlag aufgelöst. Entscheidungen, Zweifel und Ängste die in ihr wohnten, sind verschwunden. Ein wenig wütend ist sie auf sich, als sie das erkennt, das sie um ein weiteres Mal feststellen muss, dass sie sich wieder einmal damit beladen hat. Das bestehen in dieser Gesellschaft, das Erklären und Rechtfertigen, das Darstellen nur um Anerkannt und geliebt zu werden hat nichts mit dem tatsächlichen Leben zu tun. Es sind alles nur Illusionen und Kämpfe. Warum sollte man diese Kämpfe machen, wenn sie einem nur Schaden zufügen. Sie schaden einem Selber und auch den anderen Menschen. Nein. Sie will leben und nicht diesen Trott weitermachen.
Sie fühlt sie Leer und Befreit. Sie fühlt die Ruhe und den Frieden in sich und hat das Gefühl eine weitere Suche hat abrupt ein Ende gefunden. Sie sieht keinen Sinn in einer weiteren Suche, da alles was sie braucht und hat, alles was Leben und Liebe ist in sich trägt. Das Wesentliche hat sie und alles was sie erfüllt ist in ihr. Warum sollte sie nach etwas höherem streben. Was ist höher? Das Mehr an materiellen Dingen oder das Mehr an Anerkennung durch die Arbeit? Nein, je mehr sie im Mittelpunkt steht, um so mehr hat sie das Gefühl nicht sie selbst zu sein. Also warum nach höheren Zielen streben, wenn sie sich dabei verlieren würde? Gewusst hat sie das alles schon. Ab und an hat sie es auch für längere oder kürzere Zeit gelebt. Was oder Wem sollte sie also jetzt noch etwas beweisen? Immer wieder überfällt sie nach einem kurzen Gedankenlauf diese Leere die immer noch nichts schweres in sich trägt, sondern immer leichter in ihr ruht. Als würde sie die Lasten ihrer Gedanken, Ängste und Kämpfe vollends von ihr nehmen. Das Einzige was ihr schwer fällt anzunehmen in diesem restlichen Gedankenlauf, auch die Menschen einfach ziehen zu lassen, die aus was für Gründen auch immer nicht mehr mit ihr im Kontakt stehen, einfach ziehen zu lassen. Sie spürt in diesem Prozess immer mehr, wie wichtig es ist, das man nicht nur sich selber und das Leben achtet. So spürt sie in dieser Dankbarkeit und Liebe für das Leben auch, dass sich die Menschen gegenseitig mehr achten sollten und die Geschenke des Lebens, in ihren Begegnungen, nicht einfach so leichtfertig hinnehmen oder wegwerfen sollten. Oder sieht sie es einfach nur als ein leichtfertiges Verhalten an, wenn Familien und Freunde getrennt sind und es einfach hinnehmen, statt sich zu bemühen, das so etwas nicht geschieht? Wie oft erlebt sie es, dass man sich aus den Augen verliert, und spätestens wenn man von dem Tod erfährt, wünscht man sich, dass man den Kontakt nicht abgebrochen hätte. Oder, warum die Begegnung, diese Zeit nicht mehr zu schätzen gewusst hat, sondern alles einfach so hingenommen hat, ebenso das der Kontakt abgebrochen ist. Nur  was könnte sie machen, damit sie nicht in diesen alten Kampf zurück muss. Nein, sie möchte nicht um die Liebe anderer Menschen kämpfen müssen, denn die Zeit des Lebens ist einfach zu kostbar, das  begreift sie nun noch mehr, als es vor dieser Todesnachricht schon war. Sie kann sowieso niemanden zwingen und ändern wird sie es wahrscheinlich auch nicht können. Aber soll sie das einfach so hinnehmen, die Erkenntnis und das Loslassen, von jedem der sie umgibt. Ihr fällt ein Spruch ein, den sie schon oft gelesen hat und wahrscheinlich jetzt noch mehr Wahrheit in sich trägt, als sie es vorher schon spüren konnte. „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer.“ Wahrscheinlich wird ihr nichts anderes übrig bleiben, als auf diese Weisheit und Wahrheit zu vertrauen. Weiter für die Menschen da zu sein, die sie brauchen, die sie so sehen und lieben wie sie ist, ohne sich selber wieder aus den Augen und den Irritationen des Egos und der Gesellschaft zu verlieren. Sie lässt jetzt ohne Ausnahme los und alles andere wird sie dem Leben überlassen, für welches sie von Moment zu Moment immer Dankbarer wird, als sie es so schon war.
Nein, diese Leere hat nichts mit Resignation zu tun. In all den Begegnungen die sie immer wieder mit dem Tod machen muss, kann sie jetzt auch zum ersten Mal etwas Gutes sehen, denn er weist ihr einen Weg, der sie aus der Irre zu sich selber und zum Leben führt. Einen Weg in die unendliche Leere und Leichtigkeit des Seins und in den gegenwärtigen Moment, mit all seinen Aufgaben, wenn sie ihm wirklich in die Augen blick und zulässt. Der Sinn und die Sinnlosigkeit in ihrem Leben werden noch durchsichtiger als sie vorher waren.
Die Nacht ist schon eingebrochen, als sie aus ihrer Versenkung heraus bricht und fühlt sich unendlich ruhig und frei und gleichzeitig so sehr mit Dankbarkeit, Demut und Liebe erfüllt, welches sie in einem stillen Gebet der Toten zum Ausdruck bringt.
„Ich bin dankbar dafür, das ich einen Platz in deinem Leben hatte, auch wenn wir zwischendurch keinen Kontakt hatten. Du bist viel zu plötzlich, unerwartet und viel zu früh von uns gegangen. Um so mehr, bin ich dankbar für die Zeit die wir  hatten. Bei mir und auch bei allen anderen hast du Spuren hinterlassen, die wir jetzt in die Welt hinaustragen sollten, damit aus den von dir gestreuten Samen, wundervolle Blumen erblühen können. Du hast dieses Leben mit all deiner Bescheidenheit, Liebe und Güte bereichert und dafür sollten wir alle dankbar sein und uns immer während daran erinnern, was du uns für ein Geschenk hinterlassen hast. Ich wünsche dir in all der Stille und Dankbarkeit, Ruhe und Frieden.“
Auch sie zieht sich in die Stille der Nacht, ihre bestehende Einsamkeit und in ihren gewonnen Frieden, die Ruhe, die Leichtigkeit und Leere, voll mit Leben zurück und fällt in einen tiefen, kurzen, aber sehr erkenntnisreichen Schlaf.

© by Emma Wolff (30.05.2012)



Sonntag, 6. Mai 2012

Geschichten des Lebens XV – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven - I




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Der Sekundenzeiger ihres Weckers bewegt sich stetig voran, nur ihr erscheint es, als würde er in Zeitlupe seinen Weg beschreiten und die Zeit dieser Stunden des Wartens und Bangens würden niemals vergehen. Mühevoll und unter Schmerzen versucht sie sich immer wieder von ihm wegzudrehen, in der Hoffnung sie würde Schlaf finden. Dessen ungeachtet, hat die Angst zu großen Besitz von ihr ergriffen, genauso wie die Wunden auf ihrem Körper, welche seine unbändige Wut hinterlassen hat, noch ganz frisch sind.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Immer wieder verkrampft sich ihr ganzer Körper. Der Magen schnürt  sich zusammen und sie zittert für einige Minuten wie Espenlaub, bis sie es irgendwie geschafft hat sich wieder zu beruhigen und wie in Trance die nächsten Minuten in dieser Position verharrt. Allerdings, die Gedanken nehmen immer wieder von ihr Besitz. Die Angst sitzt ihr im Nacken.
‚Was wird in dieser Nacht noch geschehen? Wird sie den ersehnten Schlaf noch finden? Wie lange wird sie diese Tyrannei noch durchhalten?’
Tick, Tack.
Tick, Tack.
All der Mut und ihre Lebensfreude sind verschwunden und sie fühlt sich gefangen in einem abgestumpften, haltlosen, finsteren, bestialischen und erbarmungslosen Loch. Dieses Leben ist ihr eine Schmach. Ihre Kraft ist aufgezehrt und sie nimmt keinen Ausweg aus ihrer Situation bewusst wahr.
‚Er ist ja nicht immer so. Eigentlich ist er ein Mann der sie liebt. Im Grunde wollen sie doch eine Familie sein. Nein. Sie muss sich diesem Leben stellen. Es ist ja auch nicht immer so schlimm. Wir haben ja auch noch schöne Tage. Die Kinder lässt er auch in Ruhe und beschützt sie vor Allem und Jedem.’, redet sie sich immer wieder ein.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Erneut beginnt ihr Körper zu vibrieren. Nebenan beginnt ihre Tochter  zu weinen, so wie sie es jede Nacht tut und das schon seit Monaten. Ja, fast Jahren. Sie weiß es nicht mehr. Die Zeit. Sie weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen ist, seit dem letzten Mal seines unbändigen Wutausbruchs. Sie weiß nicht mehr, wann es überhaupt angefangen hat. Sie ist betäubt, wie gelähmt. Das Schreien der Tochter wird immer schlimmer. Sie schafft es nicht aufstehen. Jede Bemühung ist zu viel. Ihr Körper macht das nicht mehr mit. Sie betet zu Gott.
‚Bitte, mach das sie wieder einschläft. Bitte, hilf mir und meinen Kindern. Bitte, mach das Ruhe ist, wenn er nach Hause kommt. Bitte hilf mir und meinen Kindern.’
Abermals versucht sie sich zu erheben und irgendwie ist es ihr möglich an das Bett ihrer Tochter zu gehen. Zum Glück ist ihr Sohn nicht wach geworden. Es dauert nicht lange. Nur ein paar Berührungen und das Gefühl das sie bei ihr ist, und schon beruhigt sich die Kleine wieder und schläft ein. Leise schließt sie wieder die Türe.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Ihr Blick fällt auf die Uhr im Flur und ihre Handtasche. Sie erinnert sich an einen Prospekt von einer Beratungsstelle, der ihr vor Tagen schon in die Hände gefallen ist.
‚Sollte sie sich Hilfe holen? Sollte sie in ein Frauenhaus gehen? Wenn sie nur wenigstens jemanden hätte, dem sie sich anvertrauen könnte. Jemanden, der ihr zuhört und einen Rat geben könnte. Ihre Scham in ihr, über diese Pein, ist zu groß. Die Wunden ihrer Seele kann sie niemandem offenbaren. Es reicht schon, dass sie die offensichtlichen Verletzungen kaum verstecken kann. Sie kann ihn doch nicht im Stich lassen? Sie kann die Familie doch nicht zerstören?’
Sie faltet den Zettel wieder zusammen, versteckt ihn in einem kleinen Fach, in der Hoffnung, durch die Angst getrieben, dass er diese Informationen niemals finden wird.
Sie hört wie ein Auto vorfährt. Ganz  schnell verschwindet sie wieder in ihrem Bett.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Die Zeit rast in ihrer Angst regelrecht los. Auf Grund der Nachtzeit kann sie erahnen, in welch einem Zustand er sein muss, wenn er gleich die Wohnung betritt. Nein sie darf ihm jetzt nicht begegnen. Ihre Wege dürfen sich heute nicht mehr kreuzen, das wäre ihr Untergang, denn wer weiß wie lange sie das noch überleben wird. Die Angst ist zu groß und die Schmerzen der letzten Schläge sitzen noch frisch in ihren Gliedern.
Sie stellt sich schlafend und betet für sich abermals im geheimen.
‚Bitte, lass die Nacht schnell vorüber gehen und auch das alles andere, was sich derzeit Leben nennt, ein Ende finden wird.’
Tick, Tack.
Tick, Tack.

© by Emma Wolff (04.05.2012)




Sonntag, 1. April 2012

Geschichten des Lebens X – Ein Ort voll Frieden




Es  scheint wie eine schwere Last auf seinen Schultern, auf seinem Gemüt zu liegen, alleine bei dem Gedanken, das es Orte geben soll, an denen alles vereint ist und damit auch das Leben vorüber sein soll. Ein Gedanke den er nicht an sich heran lassen kann. Er möchte sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn dieses Leben zu Ende gegangen ist. Alles, was er damit verbindet ist der Schmerz und der Kummer des Loslassens und des Verlustes. Der Verlust geliebter Menschen. Ebenso, erscheint es ihm aber auch, ein Ort von Leid, Krankheit und Gewalt zu sein, alleine wenn er überlegt, wieso die Menschen wohl jetzt dort begraben liegen.
So dreht er immer seine Runden, auf den Wegen des Lebens, immer mit dem unbewussten Vorsatz, den Tod und alles was damit zu tun hat, mit einem großen Bogen zu umgehen. Alles verselbständigt sich so sehr, das auch seine Achtsamkeit um dieses Bestreben nachlässt und er vor einem großen Tor steht. Er ist es gewohnt, nicht zurück zugehen. Nur, wenn er jetzt vorwärts geht, dann muss er über einen Friedhof gehen. Eine ganze Weile bleibt er stehen, hadert mit sich und der Entscheidung, die eigentlich schon mit eintreffen an diesem Ort gefallen ist.
Die ersten Schritte wagt er nur zaghaft voran und ein beklemmendes Gefühl umschließt seine Brust. Er traut sich kaum nach rechts und links, geschweige denn gerade aus zu schauen. Sein Blick ist die ersten Meter einfach nur auf seine Füße gerichtet und jeder weitere Gedanke macht es ihm fast unerträglich in dieser gegenwärtigen Situation. Zu sehr ist er gefangen in dieser Angst und seiner grauenvollen Illusion vom Sterben. Abermals bleibt er einen Moment stehen, zu sehr verspürt er in sich, das er etwas ändern muss, zu stark ist das Gefühl, das es ihn sonst fast zerreist. Er möchte sich diesem Schmerz und dieser Trauer, die in ihm aufzukeimen beginnt, nicht einfach hingeben. Es sind nur Gedanken und Vorstellungen. Ist es doch nichts was wirklich ist.
Vorsichtig wagt er jetzt Blicke auf die Grabsteine. Alle liegen oder stehen sorgfältig und gepflegt vor sich hin, ebenso wie sie mehr oder weniger mit wundervollen Blumen und Grün umwachsen sind. Alles was er sieht ist eine Ruhe. Auf manchen der Steine stehen Figuren und auf wieder anderen steht, in schönen Schriften, etwas über diesen Menschen der dort begraben wurde. Nach und nach wird er neugierig, bis er sich nach einer Weile auf einer Bank niederlässt. Er atmet mehrmals ganz tief ein und aus.
‚Das Schlimmste, was der Tod mit sich bringt, ist das Leid, welches der Mensch hinterlässt, der Schmerz des Loslassens, aber an sich ist das Sterben nichts, wovor man Angst haben muss.’
Seine Gedanken werden immer ruhiger. Er sitzt auf einem Hügel und schaut auf all das, was sein Blick, in jedem einzelnem Augenblick aufnehmen kann. Immer mehr verspürt er in sich, wie Ruhe aufsteigt und die Angst immer weniger wird. Eine wohlige Wärme macht sich in ihm breit und immer mehr nimmt er ein Gefühl der Leichtigkeit in sich wahr. Als würde ihm diese so unsagbar große Last der Angst genommen werden und ein tiefer Frieden macht sich breit. Er sieht die Steine als Symbol des Todes und zum Gedenken der Menschen. Gleichzeitig, sieht er wie alles, was dieses Ganze umgibt, zu neuem Leben erwacht. Er kann jetzt, wo er sich all dem hingibt, nicht nur sehen was ist, sondern er kann ganz deutlich in sich spüren, wie alles miteinander vereint ist. Er vernimmt, wie alles zusammenhängt und wie aus dem Tod etwas Neues unwahrscheinlich Schönes entstehen kann. So nah, wie hier in dieser absoluten Stille und Ruhe, genau an diesem Platz, fühlt er sich noch nie dem Tod, ebenso wie er mit jedem Atemzug den er macht, immer mehr das Leben durch seinen Körper und jede einzelne Pore dessen, durchströmen spürt und in sich, bei sich immer mehr ankommt.
Ja, er ist am Leben.
Er ist in diesem Leben, zudem der Tod und das Leben ebenso zusammen gehören, wie die Liebe zum Leben, denn diese ist in ihm, während des Tages so sehr gewachsen, das sie all die erdrückende Leere, in einer gewaltigen unendlichen Kraft ausfüllt, das es ihm fast das Gefühl eines Tanzes oder des Fliegens in seine Seele legt, welches ihn unendlich mit Frieden, Liebe und Glückseligkeit erfüllt.


© by Emma Wolff (16.3.2012)







Sonntag, 5. Februar 2012

Geschichten des Lebens II – Eine Insel




Er sitzt gebückt auf seinem Stuhl und alles was um ihn herum geschieht erscheint ihm unerträglich. Alles wirkt wie eine Farce und es zerreist ihm in seiner Trauer und den Bildern des Todes fast das Herz. Seine Augen füllen sich mit Tränen und sind mit dunklen Rändern begleitet. Der Heuchelei um ihn herum will er nicht beiwohnen, also verkneift er sich seine Tränen. Sein innerer Kampf wird für sie immer sichtbarer. Die Kieferknochen treten durch seinen Biss hindurch die Kälte in seinem fahlen und weißen, ebenso wie zusammengefallenen Wangen zum Vorschein. Sein Blick ist kalt und leer. Selbst seine Augen haben ihr strahlendes Blau verloren. In ihm steigt immer mehr Wut empor. Nicht wegen dem Verlust. Nicht wegen dem Tod. Nicht wegen der Trauer oder der Einsamkeit, sondern einzig und allein wegen der Kälte der Menschen die ihn gerade jetzt umgeben.
Nur aus einiger Entfernung ist es ihr gegeben bei ihm zu sein. Bei ihm und seinem Bruder, der alles tun möchte, damit es ihm wieder besser geht.
Er trauert mit ihm um die Verstorbene, genauso wie er um ihn und den vorhandenen Leid trauert. Es ist ihm ein Anker, ihn an seiner Seite zu wissen, auch wenn er es nicht äußern kann, ebenso wie all die Gedanken die durch seinen Geist der Einsamkeit und des Schmerzes strömen.
Wie soll es weiter gehen? Für ihn eine wichtige Frage. Doch eine Antwort vermag ihm keiner geben, da keiner anwesend zu sein scheint, der ihm eine Antwort geben möchte. Jeder ist in seiner Tagesordnung und da darf es keine Trauer und auch keinen Verlust geben, ebenso wie es keinen Schmerz und keine aufrichtigen Tränen geben darf. Alles erscheint nur wie ein Spiel und er steht hilflos mittendrin. Wie kann sie ihm helfen? Was kann sie tun, damit es ihm wieder etwas besser geht? „Kind du musst deiner Trauer freien Lauf lassen. Du kannst nicht alles in dir verbergen, nur aus der Gleichgültigkeit der anderen und deiner Angst heraus. Du musst dich davon befreien.“ Das und noch viel mehr möchte sie ihn wissen lassen und ihn schützend in ihre Arme hüllen.
Geduldig ertragen sie das Szenario, welches sich in der eisigen Kälte bietet. Anschließend macht er sich daran die Räumlichkeiten und die Trauergesellschaft fluchtartig zu verlassen. Am liebsten möchtest er rennen. Ganz weit weg rennen, nur damit er mit sich und seinem Schmerz alleine sein kann. Damit er einfach sein kann und nicht mehr so tun musst als ob. Du willst nicht so sein wie alle anderen, obwohl die Einsamkeit frisst ihn bald auf. Seinen Bruder hält er fest in seiner Hand und sie rennen von dannen.
Sofort erkennt sie was geschieht und da das Geschehen keinem weiter auffällt, folgt sie ihnen ganz intuitiv. Auch, wenn sie damit die Formen des Scheines der restlichen Gesellschaft über Bord wirft und sie missachtet, doch seine Sorgen und seine Trauer, sein für sie sichtbarer Schmerz ist so groß, das ihr Mitgefühl nicht anders kann, als den beiden Kindern zu folgen. Irgendwann weit ab vom eigentlichen Geschehen bleiben sie stehen, wissend das sie bei ihnen ist.
Er lässt sich in ihre Arme sinken und einfach nur halten. Eine lange Weile stehen sie da. Sie schweigen und sie hält ihn einfach nur in ihren Armen. Das erste Mal, seit er dem Tod in die Augen blicken musste, konnte er loslassen und die Nähe zu einem Menschen zulassen. Das erste Mal seit diesem Erleben, konntest er für diesen langen Moment schwach sein und spüren das er aufgefangen, getragen und gehalten wird.
Einfach nur da stehen und nicht alleine sein. So verweilen sie eine lange Weile, selbst die empörten Beobachter lassen sie an sich vorbei ziehen. Als wäre er behütet und beschützt in einem Kokon und nichts von dieser Scheinwelt kann ihm etwas anhaben. Zum ersten Mal seit diesen Tagen bekommt er von dem nichts mit und lässt einfach geschehen was geschieht. Alle Kontrolle über ihn, seinen Körper und die Gegebenheiten zwischen all diesem Ganzen lässt er endlich los.
Irgendwann lösen sie sich aus ihren Umarmungen und laufen umher. Sie halten sich alle an den Händen und laufen einfach so vor sich hin. Immer wieder versucht sie ihm Mut zu zusprechen, denn alles was sich in ihm angesammelt hat muss raus, sonst zerfrisst es seine Seele. Dafür ist er  einfach noch zu jung und zu klein. Sie reden lange und immer mehr kannst er sich öffnen, als wäre sie eine Insel, der er immer mehr vertrauen schenken kann. Ein Ort an dem er einfach sein kann und reichlich mit Wärme, Liebe, Trost und Geborgenheit beschenkt wird. Immer wieder ist der Tag mit langem Schweigen unterbrochen, doch es bedarf auch keiner weiteren Worte, denn alles was es zu sagen gab, wurde gesagt. Sie sitzen bis zum Abend und tragen sich gegenseitig in all dem was in ihnen wohnt, bis sie sich wieder trennen müssen.
Eine Trennung mit dem Wissen für ihn, das diese Insel immer vorhanden und für ihn erreichbar ist, wann immer er es will und braucht. Eine Insel auf der er einfach sein kannst und die ihn geborgen und sicher einhüllt. Dem Wissen er ist nicht mehr einsam und allein, sondern immer gibt es jemanden der ihn auffängt und hält.






C. by Emma Wolff (3.2.2012)