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Sonntag, 23. September 2012

Geschichten des Lebens XXXIV - Fünf Minuten II




Mit einem Mal hört sie ein lautes Poltern und Knallen im Flur. Sie schrickt regelrecht auf und springt von ihrem Stuhl. Sie möchte gerne nachschauen was los ist. Noch bevor sie sich richtig erhoben hat und den ersten Schritt in Richtung Türe machen kann, springt diese mit aller Gewalt auf. Er steht in einem Rausch von Wut und Alkohol vor ihr. Bevor sie sich versehen kann kommt er auf sie zugestürmt. Im vorbei gehen greift er nach dem ersten Messer, welches auf der Anrichte liegt. Alles geht unheimlich schnell. Wie angewurzelt bleibt sie neben dem Stuhl stehen und hält sich hinter ihrem Rücken am Tisch fest. Angst und Panik wollen sich in ihr breit machen. Gleichzeitig fühlt sie sich wie betäubt und ist zu keinem klaren Gedanken in der Lage. Sie steht einfach nur da. Alles geht so stürmisch und ungestüm, dass sie dem Ganzen kaum folgen kann. Bis er mit dem Messer direkt vor ihr steht und es erhebt. Sie sich fühlt sich hilflos und gefangen. Ohne darüber nachzudenken, legt sie die Hände, die sich gerade zuvor noch im Tisch festkrallten, schützend vor ihren Bauch. Als würde sie sich und das Kind so besser festhalten können. Ihre Blicke treffen sich. Sie kann nichts anderes tun als seinem stand zu halten. Der kalte Ausdruck, die Wut, der Zorn und der Dämon des Alkohols sprechen ihre ganz eigene Sprache in seinen Augen. Ein kalter Schauer der Angst läuft ihr den Rücken herunter. Ihr ganzer Körper spannt sich so sehr an, das sie den Eindruck hat die Knie würden durchbrechen. Das Gefühl sie würde einfach umfallen. Jedoch ist sie gleichzeitig so gelähmt, das nichts dergleichen passiert. Sie verfolgt ihn mit den Augen. Immer näher kommt er an sie heran. Er schreit sie in seinem immer stärker werdenden Zorn an.
„Du hast mein Leben versaut! Du bist schuld an allem was mir widerfährt!“ Er ist gefangen im Wahn des Alkohols und schmettert es ihr mit aller Macht die freigesetzt wird entgegen.
In ihr herrscht absolute Leere. Kein Gedanke kommt in ihr zum tragen. Kein Gedanken, was sie jetzt machen könnte, um schlimmeres zu verhindern. Kein Gedanke, was sie antworten oder entgegnen könnte. Sie steht einfach nur wie gebannt da und lässt den Blick nicht von seinen, in der kaum wahrnehmbaren Hoffnung, dass es endlich vorbei geht. Das diese Szene ihres Lebens irgendwie vorbei geht. Jedes Gefühl für Zeit ist verloren. Alles rennt an ihr vorbei, dass es für sie zu surreal wirkt. Selbst wenn er jetzt zustechen würde, so wäre es jetzt vorbei. Es soll zu Ende gehen. Egal wie aber es soll Schluss sein.
In diesem Moment wird die Türe aufgerissen. Seine Mutter die einfach nur mal nach dem Essen schauen wollte, ist entsetzt über das, was sie sieht. Sie stürmt auf ihren Sohn und entreist ihm das Messer.
„Bist du des Wahnsinns?!“ schreit sie ihm entgegen.
Erst jetzt lässt er von ihr ab. Ohne ein weiteres Wort verlässt er mit seiner Mutter den Raum. Sie hingegen bleibt dabei alleine zurück.

Alle Anspannung der letzten Sekunden und Minuten fallen mit einem Male von ihr ab. Sie sackt auf den Stuhl zusammen, auf dem sie vorhin noch so friedlich gesessen hatte. Sie fühlt sich wie in Trance. Das gerade erlebte kann sie in keiner Weise realisieren. Absolute Leere ist in ihr. Kein Gedanke, keine Frage und kein Wort. Sie verspürt nur starke stechende und ziehende Schmerzen, die sich über ihren ganzen Bauch ausbreiten.
In sich ist sie vollkommen ruhig und weiß sofort in diesem gegenwärtigen Moment was zu tun ist. Sie sieht ganz klar die Lösung, auf all die vorherigen Fragen, vor sich stehen. Ohne auch nur kurz zu zögern, müht sie sich mit ihren Schmerzen hoch und läuft in den Flur, greift nach ihrer Tasche und öffnet ohne einen weiteren Gedanken um andere die Haustüre, welche auch sofort hinter ihr wieder ins Schloss fällt.
Mit dem Wissen das sie diese Wohnung und dieses Haus nie wieder betreten, diesen Teil ihres Lebens hinter sich lassen wird, holt sie ganz tief Luft und betritt die Straße, die sie in ihr weiteres und neues Leben, mit ihrem Kind entlang führen soll.


© by Emma Wolff (30.12.2010)


Sonntag, 16. September 2012

Geschichten des Lebens XXXIII - Fünf Minuten




Ein schwüler heißer Frühsommertag neigt sich seinem Ende entgegen. Die Hitze der Stadt scheint sich nicht legen zu wollen. Nur in die Dachgeschosswohnung kann ab und zu ein warmer Windhauch gelangen. Alle Fenster sind geöffnet. Das Licht, welches von draußen herein fällt, schimmert golden von der sich zum untergehen bereit machenden Sonne.
Immer wieder fällt ihr Blick über die Dächer der Stadt und sie freut sich auf die Abkühlung, die in ihrer Hoffnung die Nacht mit sich bringen wird. Ein lieblich süßer Duft liegt im Raum. Der Anblick der dunkelroten Erdbeeren in Verbindung mit all den wundervollen Gerüchen in ihrer Küche, lässt all ihre Sinne in Vorfreude auf das Essen beflügeln. Sie fühlt sich wie in einem Glücksrausch. Hin und wieder durchfährt ihren Bauch ein Kribbeln. Sie verspürt die kleinen feinen Bewegungen in ihrem Leib, die sie ganz und gar mit Liebe erfüllen. Immer wieder unterbricht sie ihre Arbeit, legt behutsam die Hände auf ihren Bauch und möchte so schon Kontakt mit dem ungeborenen Kind aufnehmen, welches sie gerade in sich trägt. Zu gerne möchte sie sich all dem Ganzen einfach nur so hingeben. Jedoch so richtig scheint ihr das nicht zu gelingen. Ihre Gedanken kreisen dafür in zu verschiedenen Bahnen.
Was wird die Zukunft ihr bringen? Wie soll alles werden? Angst und Zweifel machen sich immer wieder in ihr breit. Sie weiß, dass sie etwas ändern muss. Jedoch sie weiß nicht, wie es in der Realität funktionieren soll. Zu unheimlich wird das Leben, welches sie umgibt. Auf der einen Seite freut sie sich unendlich auf das Kind. Aber auf der anderen? Wenn sie alles ganz nüchtern betrachtet, so stimmt rein gar nichts. Zu unberechenbar ist alles geworden. Zumindest erscheint ihr das so. Oder sollte das Leben einfach so sein?
Wie sollte das Leben denn sein? Stellt sie einfach nur zu viele Ansprüche an sich und das Leben? Sie möchte einfach nur das ihr Kind in Frieden und Harmonie aufwächst und ohne Angst und Gewalt. Es ist, als wenn sie vor einer Mauer steht und keine Antworten finden kann.
Kompromisse!
Sollte sie mehr Kompromisse eingehen? Doch alles was sie macht und tut empfindet sie als einen großen Kompromiss. Ein Kompromiss bestehend aus ganz vielen kleinen Kompromissen.
Alternativen?
In regelmäßigen Abständen suchte sie schon nach Alternativen. Gibt es jene überhaupt?  Egal wie sie es dreht und wendet, jede Variante, jede auch nur gedachte und durchgespielte Entscheidung würde schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Sie schüttelt für sich abermals den Kopf in ihrem Zwiegespräch der Gedanken.
Nein. Für sie steht fest, dass es so nicht weiter gehen kann. Auch wenn sie das „Wie“ in diesem Augenblick noch nicht erkennen kann, so ist sie sich sicher, dass sich das auch noch finden wird. Jetzt möchte sie sich lieber wieder auf das Essen und die wunderbar duftenden Erdbeeren freuen und den begonnenen Abend in Ruhe genießen, verweilend in der Hoffnung, das die Nacht etwas Abkühlung bringt.
Aus dem Nebenraum sind leise Geräusche zu vernehmen. Sie ist nicht alleine zu Hause. Ihre Schwiegermutter ist im Wohnzimmer und schaut TV. Natürlich würde sie sich gerne etwas unterhalten, aber solange sie in der Küche zu tun hat, wird dies nur ein Wunsch bleiben. Dementsprechend gibt sie sich dieser Illusion gar nicht erst hin und macht weiter ihre Dinge.
In welch einem Zustand wird er wohl wieder sein, wenn er nach Hause kommt. Es ist schon relativ spät und er müsste jeden Moment ankommen. Die Angst und das Unbehagen breiten sich wieder in ihr aus. Schwermütig, ohne die vorherige Leichtigkeit und Freude, holt sie tief Luft und setzt sich erschöpft auf einen Stuhl. Sie fühlt sich mit einem Mal so müde und ausgezehrt.
Sie streichelt sich über den Bauch und spürt das Kind, welches in ihr heranwächst. Sie hat sich noch niemals zuvor so sehr als Frau gefühlt, wie in der Zeit der Schwangerschaft. In dem Zeitraum, in dem neues Leben in ihr heranwächst und sie etwas erleben darf, was nur Frauen vorbehalten ist. Es ist für sie schwer so etwas in Worte zu fassen, also gibt sie sich dem Gefühl hin und lebt es auch voll und ganz aus, soweit es ihr der Moment zulässt.

Mit einem Mal hört sie ein lautes Poltern und Knallen im Flur.....


Fortsetzung folgt....


© by Emma Wolff (30.12.2011)




Sonntag, 3. Juni 2012

Geschichten des Lebens XIX – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven – V




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Endlich ist der letzte Karton ausgepackt. Sie fühlt sich in ihrem neuen zu Hause wohl. So lange es auch gedauert hat, wie sie parallel zu ihrer Arbeit, an jedem weiteren Abend, die Wohnung eingeräumt und gestaltet hat. Umso mehr fühlt sie sich jetzt angekommen, in diesem neuen Heim.
Ein neuer Anfang im Leben. Ein neuer Start, in einer neuen Stadt und sie fühlt sich angekommen und frei.
Am Nachmittag hatte sie ein Gespräch mit einer Nachbarin aus dem Haus, welches ihr immer noch etwas nahe geht, weil sie so manche Information nicht wirklich einordnen kann.
‚Warum können sich manche Menschen nicht klar und deutlich ausdrücken, sondern halten alles immer in der Waage. Dabei wollte sie mir doch irgendetwas Wichtiges erzählen. Es wirkte unheimlich, so wie sie von der Familie aus dem Erdgeschoss sprach.’
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie genießt für einen kleinen Augenblick den Ausblick aus dem Fenster und wie alles in den Farben der untergehenden Sonne gehüllt ist, bevor sie in die Küche gehen und sich etwas zu Essen machen möchte. Sie möchte die neue Umgebung und die Stille, ebenso wie den Tag mit einem schönen Essen ausklingen lassen, bevor sie morgen früh, in neuer Frische, all das genießen möchte, was auf sie wartet.
Spontan entscheidet sie sich noch einige Blumen umzustellen und einige dieser Töpfe auf dem Balkon zu platzieren. So bekommt sie mit, dass auch ihre Nachbarin auf dem Balkon sitzt. Sie grüßt sie durch ein Nicken, da sie sofort spürt, das sie ihre Ruhe haben möchte, was sie nicht nur nachvollziehen kann, sondern auch respektieren möchte.
So hat jeder sein Päckchen zu tragen. Auch, wenn sie jetzt einen großen Teil hinter sich gelassen hat, so trägt auch sie ihres noch auf den Schultern.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Als sie in der Küche steht, wird ihr bewusst, dass sie noch bis Ende der Woche für sich alleine ist und dann auch ihre Tochter wieder bei ihr ist. Sie ist so glücklich das sie diese Zeit und die Ferien bei ihren Großeltern sein konnte, so dass alles in den neuen Räumen für sie zurecht gemacht ist und sie sich gleich wohlfühlen und ankommen kann.
Sie freut sich auf die Zukunft und möchte an die Vergangenheit auch keinen Gedanken mehr verschwenden. Obgleich, sie sich in ihren Träumen nicht ausmalen kann, was auf sie zukommen wird, so fühlt sie sich dennoch so frei, dass sie allem, was sie umgibt, einfach vertraut und alles auf sich zukommen lassen möchte.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Während sie sich einen Tee kocht, hört sie auf einmal lautes Männergebrüll aus der Wohnung unter ihr. Sie hört wie etwas zerbricht. Wie das Treiben immer lauter und wilder wird. Sie hat die Fenster und auch die Balkontüre noch geöffnet. Sofort fällt ihr das Gespräch mit der Nachbarin ein. Als sie diese Fragen möchte, ob sie dieses Geschehen heute in ihrem Gespräch meinte, bekommt sie nur noch mit, wie diese fluchtartig den Balkon verlässt und alle Fenster und Türen verschließt. So wirklich kann sie dieses Verhalten nicht verstehen, doch sie kann in diesem Moment nichts daran ändern und geht zurück in ihre Wohnung.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Immer lauter wird das Geschrei. Seine Wut ist selbst in ihr zu spüren. Sie hört wie mehr geschieht, als nur das Gebrüll des Mannes. Sie fühlt sich nicht wohl, bei dem was sie tut. Sie geht in den Hausflur, in der Hoffnung, dass sie noch mehr mitbekommt, da sie nicht etwas tun möchte, was aus falscher Annahme rührt. Der Lärm und die Aktivitäten des Mannes schallen durchs ganze Treppenhaus. Sie ist sich nun ganz sicher, dass er nicht nur in der Wohnung herum schreit, sondern dass er seine Frau schlagen muss. Alles geschieht so sehr schnell. Sie überlegt einfach nicht und agiert nur. Sie weiß nur, dass sie das nicht einfach so geschehen lassen kann. Nein sie muss etwas tun.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie greift sofort nach dem Telefon, als sie zügig und auf Zehenspitzen wieder in ihrer Wohnung zurück ist. Ohne lange zu zögern, ruft sie die Polizei und bittet um Hilfe. Sie schildert in knappen Worten, was geschieht und das man bitte sofort Hilfe schicken soll, die ihr auch sofort zugesagt wird.
Danach lässt sie sich einfach nur auf dem nächsten Stuhl nieder und fühlt sich erleichtert und angespannt zugleich.
Erleichtert, dass sie den Mut gefunden hat, Hilfe für die Frau zu rufen, aber angespannt, weil ihr dieses Erleben zu nahe geht und sie sich wünscht das es schnell vorbei geht und der Frau, die sie noch nie gesehen hat, wirklich geholfen werden kann.
Tick, Tack.
Tick, Tack.


© by Emma Wolff (4.5.2012)



Anmerkung der Autorin:

Keiner sollte die Augen vor dem verschließen, was hinter verschlossenen Türen geschieht. In dieser Geschichte war das Opfer eine Frau. Jedoch darf man nie vergessen, dass dies auch sehr vielen Männern geschieht, darüber wird nur noch weniger gesprochen, weil es für den Mann einen Gesichtsverlust darstellen würde, in dieser Gesellschaft in der wir leben.
Es wird oft auf die Frau reduziert, da die Statistiken eben oft nur darauf beruhen, oder die Männer noch weniger Mut haben, Hilfe zu suchen. Umso wichtiger ist es, das es für diese auch Hilfe gibt, damit es vielleicht nicht nur ein Frauenproblem bleibt, sondern endlich gesehen wird, dass häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, welches sich durch alle sozialen Schichten zieht.
Dazu wird es irgendwann noch Geschichten geben, da mir auch diese schon begegnet sind.
Häusliche Gewalt ist nicht nur physischer Natur, sondern findet in psychischer Gewalt einen noch größeren Raum als anders wo.
Die Folgen und Traumatas die alle damit erleben, bleiben ein Leben lang bestehen, deswegen sollte jeder helfen und die Augen vor diesen Problemen nicht verschließen. 
Die Opfer haben keine Kraft für Mut, deswegen brauchen sie Hilfe.
Selbst wenn man nur die Polizei ruft. Jedoch man tut etwas und lässt es  nicht nur geschehen.
Ebenfalls gibt es viele Anlaufstellen, sei es das Frauenhaus, für Frau und Kind, zugleich gibt es auch Interventionsstellen und Beratungsstellen für Opfer von häuslicher Gewalt, die ihre Türen offen haben, für Frauen und Männer, sowie auch für die Kinder.
Es gibt viele Möglichkeiten, doch vor häuslicher Gewalt sollten die Augen nicht verschlossen werden. Jeder kann helfen, sei es durch eine helfende Tat oder durch das Mutspenden bei den Opfern.

Ich danke allen für das Lesen diese fünfteiligen Reihe, „Einer Geschichte aus 5 Perspektiven“ und hoffe, das einige Mut schöpfen konnten, andere die Augen nicht mehr verschließen, oder wieder andere achtsamer miteinander umgehen werden.
Emma Wolff









Sonntag, 27. Mai 2012

Geschichten des Lebens XVIII – Eine Geschichte fünf Perspektiven – IV




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Ein ruhiger Tag geht zu Ende und sie war die ganze Zeit mit sich und ihrem Leben beschäftigt. Warum sollte sie sich auch um andere Dinge kümmern? Es betrifft sie nicht und es gibt genügend Dinge in ihrem Leben, mit denen sie zu tun hat.
Die Arbeit nimmt genügend ihrer kostbaren Zeit in Anspruch. Die Angelegenheiten der anderen interessieren sie auch nicht. Sie hat mit sich und ihrer Vergangenheit ihre eigenen Probleme.
Die Jahre und die Zeit haben sie verhärmt. Sie möchte einfach keine Menschen mehr um sich herum haben. Die Erfahrungen, die sie erleben musste, waren einfach zu grausam und sie wird oft genug daran erinnert.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Mit einem Glas Wein und einem Buch unterm Arm, lässt sie sich auf ihrem kleinen, aber sehr hübschen Balkon, nieder. Ganz sanft weht ein warmer Frühlingswind und die Sonne ist gerade dabei unterzugehen. Ganz beiläufig bemerkt sie, dass die Nachbarin ein Rollo nach unten lässt und sie somit weiß, das jetzt auch keine Kinder mehr zu hören sind.
Sie hat ja nichts gegen Kinder, aber sie ist froh das sie selber keine hat, denn sie könnte ihnen niemals das geben was Kinder so bräuchten. Sie fühlt sich einfach auch oft genug gestört von ihnen, aber sie weiß, dass es ihr Problem ist.
So genießt sie einen Schluck von ihrem Wein, bevor sie sich dem Sonnenuntergang hingibt und ihr Buch ungeachtet auf dem Tisch liegen lässt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie sieht wie das Auto des Nachbarn die Einfahrt hochfährt und empfindet einen Anflug von Mitgefühl, als sie sieht wie erschöpft er aussteigt und das Haus betritt. Gleichzeitig kennt sie die Familie schon so lange, das sie auch hofft, das sie wirklich diese Ruhe behält und nicht durch unangenehme Geräusche gestört wird, denn das ist etwas was sie an diesem Mann hasst, das er sich in regelmäßigen Abständen nicht unter Kontrollen hat.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie entscheidet sich nun doch noch etwas in ihrem Buch zu lesen. Dafür hat sie sich eine Kerze angezündet, damit sie später nicht ganz im Dunkeln sitzt.
Mit einem Male hört sie einen lauten Schrei und wie Glas zerbricht.
Wie in einem Affekt, springt sie auf, nimmt ihr Glas und das Buch pustet die Kerze aus und verschwindet sofort in ihrer Wohnung. Als erstes verschließt sie alle ihre Fenster und Türen und hofft, so von dem gebotenen Schauspiel der Gewalt nichts mehr mit zu bekommen. Jedoch hört sie wie er auf sie einschlägt, obgleich sie den Raum darüber verlassen hat.
Ihre eigene Vergangenheit und die Ängste, die sie daraus immer noch in sich trägt, kommen in Form der Bilder wieder zum Vorschein. Das Geschrei, die Wut und der Jähzorn des Nachbarn wird immer intensiver und lauter. Es ist für sie fast unerträglich und sie hat das Gefühl das jeder Schlag und jeder Schrei ihr gilt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Aber es hat sie nicht zu interessieren, denn es betrifft sie nicht, deswegen setzt sie sich in ihren Sessel und schaltet den Fernseher an. Den Ton schaltet sie so laut das sie den Rest der Geräusche übertönt. Was sollte sie auch anders tun? Oder sollte sie die Polizei rufen. Nein, es geht sie nichts an. Sonst wird sie vielleicht noch in eine Sache hineingezogen, mit der sie nichts zu tun haben will. Sie will keinen Ärger haben. Nein.
Sie wird einfach das machen was sie immer tut, wenn er da unten wütet. Sie wartet ab, bis es vorbei ist, um danach in ihrem Rhythmus und ihrer Ruhe weiterleben zu können.
Tick, Tack.
Tick, Tack.

© by Emma Wolff (4.5.2012)


Sonntag, 20. Mai 2012

Geschichten des Lebens XVII – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven - III




Tick, Tack.
Tick, Tack.
„Mama? Wann kommt denn der Papa nach Hause?“, fragt die Kleine. Ihr Bruder schaut die Mutter mit genauso erwartungsvollen Augen an, wie sie es selber tut, um die Antwort abzuwarten.
„Das weiß ich nicht. Es könnte aber wieder später werden und ihr geht dann trotzdem ins Bett.“, antwortet die Mutter ihr, mit ruhiger Stimme.
Die Kleinen schauen schweigend auf ihren Teller und essen weiter ihr Brot, während die Mutter Essen vorbereitet.
„Können wir dann warten, damit wir ihm noch Gute Nacht sagen können?“, versucht die Kleine noch einmal ihre Mutter zu unterbrechen, um vielleicht noch etwas fernsehen zu können.
„Nein, das kann ich nicht machen. Morgen wartet wieder ein neuer aufregender und spannender Tag auf Euch. Da müsst ihr ausgeruht und ausgeschlafen sein, sonst könnt ihr all das nicht entdecken. Zudem weiß ich wirklich nicht, wie lange es noch dauern wird, bis der Papa zu Hause ist. Ihr wisst doch auch, wenn der Papa so spät nach Hause kommt, dann will er immer seine Ruhe haben, weil er so sehr müde von der Arbeit ist.“ versucht sie die beiden Kinder zu überzeugen, bevor sie weiterspricht. „Aber wisst ihr was, ich mache Euch einen Vorschlag. Gleich wenn ihr fertig seid, dann geht ihr ganz schnell ins Bad, putzt Euch noch die Zähne, bevor ihr ins Bett geht und dann komme ich zu Euch und lese Euch noch eine lange Geschichte vor. Was haltet ihr davon?“
Die Beiden finden das toll und beeilen sich ganz schnell um fertig zu werden.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Zu dritt kuscheln sie sich aufs Bett und die Mutter schlägt das Buch auf, welches die Beiden ihr zusammen ausgesucht haben.
„Aber die ganze Geschichte, ok?“, versucht sie etwas Zeit zu schinden.
Die Mutter muss feixen. „Ich versuche es.“
Sie lesen und unterhalten sich, während dessen schläft ihr kleiner Bruder schon ein. Nur sie ist ganz aufmerksam bei der Sache.
‚Der ist ja noch klein und ich bin schon groß. Es ist so schön hier mit der Mama alleine.’, denkt sie sich.
Die Mutter legt den Kleinen ganz vorsichtig in sein Bett, bevor sie weiterliest und versucht ihr ihren Wunsch zu erfüllen, zumindest solange sie die Zeit noch hat, denn der Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie noch eine Menge machen muss, bevor ihr Mann nach Hause kommt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie ist noch wach, als die Mutter das Zimmer verlässt und hört wie auch in dem Moment ihr Papa nach Hause kommt. Es ist ganz still da draußen und sie unterhalten sich nicht.
Sie lauscht den Geräuschen und den Schritten und hört am Gang, wie ihr Vater durch den Flur läuft und in die Küche geht. Sie kennt seinen Schritt ganz genau. Jeder Raum in dieser Wohnung hat einen anderen Fußboden, so dass auch das immer andere Geräusche macht, wenn man ganz genau hinhört. Sie hört die Schritte ihrer Mutter jetzt überhaupt nicht, aber sie hört wie die Kühlschranktür geöffnet wird und sie anschließend die Stimme ihres Papas vernimmt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Er ist laut. Jetzt hört ihre Mutter mit schnellen Trippelschritten durch die Wohnung laufen. Auf einmal schreit ihr Vater so laut, dass sie regelrecht zusammen schrickt und mit einem Male im Bett sitzt. Sie hört wie etwas zerbricht und er so wütend schreit, dass ihr Bruder davon aufwacht und zu weinen beginnt. Sie ist die Große sie muss tapfer sein. Aber, wie soll sie das sein? Sie weiß genau, was gerade geschieht und kuschelt sich zu ihm um ihn zu beruhigen. Nur wie soll sie ihn beruhigen? Sie hat wahnsinnige Angst. Was ist, wenn der Vater mitbekommt, dass sie wach sind?
„Psst. Nicht weinen. Du musst ganz leise sein. Psst.“
Sie klammern sich an einander fest und sie spürt wie gut es ist, das sie jetzt in diesem Moment nicht alleine sein muss. Sie spürt wie ihre Beine zittern und wie ihr kleiner Bruder am ganzen Körper bebt und durch das Unterdrücken der Tränen durchgeschüttelt wird.
Es erscheint als würde die Zeit nie vergehen und das ganze Theater vor ihrer Tür würde nie ein Ende nehmen.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Nach einer gefühlten Ewigkeit in dieser Angst, hört sie, wie ihr Vater regelrecht aus der Wohnung rennt, die Türe zuknallt und mit einem Mal ist absolute Ruhe eingekehrt.
Sie ist sich nicht sicher, was sie jetzt tun soll. Sie hat Angst. Ihr Bruder weint jetzt bitterlich los. In ihr wird eine Stimme wach, die ihr sagt, dass sie jetzt schauen soll, was draußen los ist.
Alles erscheint in einer erdrückenden Stille, nur das schluchzen ihres Bruders kann sie vernehmen. Sie weist ihn an, in seinem Bett zu bleiben und das sie auch gleich wieder bei ihm sein wird. Er möchte sie nicht wirklich gehen lassen. Sie schickt ihn schon einmal in ihr Bett und verspricht ihm hoch und heilig, dass sie gleich wieder bei ihm ist.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Auf Zehenspitzen schleicht sie zu ihrer Zimmertüre hinaus und sieht wie aus der Küche Licht in den Flur fällt. Sie wagt sich kaum Luft zu holen, aus Angst nicht zu wissen, was sie jetzt erwarten wird. Sie weiß nur, dass etwas Schlimmes geschehen ist, aber nicht was für ein Bild sie jetzt vorfinden wird.
Sie braucht noch nicht einmal die Türe aufstoßen, da sieht sie ihre Mutter auf dem Boden liegen, mit dem Rücken zu ihr und vor Schmerzen zusammengerollt. Ganz leise hört sie ein Weinen, welches wie stumme kleine Schreie wirkt. Sie tritt ganz vorsichtig an sie heran und berührt sie mit ihren Fingerspitzen an der Schulter, wovon ihre Mutter furchtbar erschrickt und sich sofort um dreht. Der Anblick, des geschwollenen Gesichts, das Blut, die Tränen, der Schmerz und der Versuch zu Lächeln, in dem verzerrten Gesicht, ist ein Bild welches sie schon kennt, wobei es sich, von mal zu mal, grauenvoller und härter in ihr Gedächtnis einbrennt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.


© by Emma Wolff (04.5.2012)


Sonntag, 13. Mai 2012

Geschichten des Lebens XVI – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven - II




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Er fühlt sich vollkommen unter Druck, gestresst und überfordert. Alleine, wenn er nur an seinen Job denkt und dann auch noch die ganze Unruhe zu Hause. Ständig diese Diskussionen mit seiner Frau. Jedoch, er will nicht reden. Es ist doch alles klar. Er geht arbeiten und sie kann zu Hause bei den Kindern bleiben und hat ein gutes Leben. Sie braucht sich um nichts weiter zu kümmern, außer um seine Bedürfnisse, den Haushalt und die Kinder.
Er dagegen, muss ständig in dieser Angst und mit diesem Druck ausharren, dass er die Arbeit nicht mehr bewältigen und sie deswegen verlieren kann. ‚Keiner kann sich vorstellen wie es mir geht, erst recht nicht meine Frau.’
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Die Zeit scheint heute nicht zu vergehen und die Arbeit auch nicht weniger geworden zu sein. Wie soll er das nur schaffen? Irgendwie muss es gehen, er ist doch ein richtiger Kerl. Was sollen all die Kollegen sagen, wenn er wieder nicht befördert wird?
Erschöpft, gefangen in seinem eigenen Kreislauf, kalt und abgestumpft macht er sich später als sonst auf den Heimweg, in einem Anflug der Vorfreude, das zu Hause schon Ruhe eingekehrt ist, da die Kinder schlafen, das Essen für ihn bereit steht und ein kühles Bier auf ihn wartet.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Als er die zur Wohnungstüre eintritt, bemerkt er wie sie auf Zehenspitzen ganz vorsichtig ihm entgegen geht, dabei drückt sie sich mit gesenktem Kopf an der Wand entlang.
‚Kann sie mich nicht einmal mehr ordentlich begrüßen? Wie sie wieder herum läuft! Nicht einmal in die Augen kann sie mir schauen. Sollte sie mir fremdgehen, oder warum weicht sie mir aus? Denkt sie wirklich, ich bekomme das nicht mit? Ich kann mir wirklich etwas Besseres vorstellen, wenn ich nach solch einem Tag nach Hause komme. Wenigstens schlafen die Kinder schon und ich habe jetzt meine Ruhe.’
Wie eine Maschine in automatischen Bewegungen, versucht sie ihm einen Kuss zu geben, ohne ihn dabei auch wirklich zu berühren. Es ist ihm so zuwider, dass er ihr einfach nur noch seine Sachen in die Hand drückt und sie stehen lässt, bevor er weiter in die Küche geht.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Er lässt seinen Blick durch die ganze Küche streifen. Auf dem Tisch steht noch das dreckige Geschirr der Kinder und auch sein Essen kann er nicht entdecken. ‚Was macht die eigentlich den ganzen Tag?’
„Hast du für mich auch was zu Essen gemacht oder soll ich hungern.“, ruft er fordernd in den Raum. Ganz schnell kommt sie, fast unscheinbar in den Raum und stellt die Mikrowelle an, wo sie sein vorbereitetes Essen stehen hat. Er öffnet den Kühlschrank, in der Hoffnung, darin wenigstens ein kaltes Bier zu finden. Das ist das, was er jetzt erst einmal will und braucht, sonst weiß er nicht wie er den restlichen Abend überstehen soll. Er kann keine Flasche entdecken.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
„Kein Bier im Kühlschrank? Kein Essen auf dem Tisch? Die Küche und wahrscheinlich auch der Rest der Wohnung schauen aus wie ein Schweinestall? Und ich....?“
Er dreht sich zu ihr um und sieht wie sie mit einer Flasche Bier hinter ihm steht. „Ich habe vergessen....“
„Was hast du vergessen?“, unterbricht er sie und schreit sie an. Sie zuckt zurück und möchte am liebsten fliehen, aber ihre Angst lässt sie regelrecht lähmen. „Vergessen, dass ich auch Bedürfnisse habe?“
Seine ungezügelte und unbändige Wut bricht aus ihm, wie die glühende Lava aus einem Vulkan aus und ohne einen weiteren Gedanken, schlägt er so fest zu, dass ihr die Flasche aus der Hand fällt und auf den Fließen des Bodens zerspringt.
„Weißt du eigentlich wie viele Opfer ich für dich bringe und du trittst das mit Füßen!“, schreit er weiter, während er abermals schlägt in der Wut das sie ihm nicht standhalten kann und sein Bier fallen lässt.
Er kann es nicht mehr halten und alles was sich in den letzten Tagen in ihm angestaut hat, bricht aus ihm heraus, ohne das er wirklich realisieren kann, was mit ihm geschieht ohne das er wirklich wahrnehmen kann, was er da gerade tut. Er schlägt und drischt immer weiter auf diesen Körper ein, der zusammensackt und sie sich versucht irgendwie zu schützen. Es ist als wäre sie ein Sandsack, an dem er seine Wut und Aggression auslassen kann.
Mit einem Male hält er inne und kann nicht anders als in seiner Rage die Wohnung fluchtartig zu verlassen, da er das Gefühl hat keine Luft mehr zu bekommen.
Tick, Tack.
Tick Tack.


© by Emma Wolff (04.05.2012)





Sonntag, 6. Mai 2012

Geschichten des Lebens XV – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven - I




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Der Sekundenzeiger ihres Weckers bewegt sich stetig voran, nur ihr erscheint es, als würde er in Zeitlupe seinen Weg beschreiten und die Zeit dieser Stunden des Wartens und Bangens würden niemals vergehen. Mühevoll und unter Schmerzen versucht sie sich immer wieder von ihm wegzudrehen, in der Hoffnung sie würde Schlaf finden. Dessen ungeachtet, hat die Angst zu großen Besitz von ihr ergriffen, genauso wie die Wunden auf ihrem Körper, welche seine unbändige Wut hinterlassen hat, noch ganz frisch sind.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Immer wieder verkrampft sich ihr ganzer Körper. Der Magen schnürt  sich zusammen und sie zittert für einige Minuten wie Espenlaub, bis sie es irgendwie geschafft hat sich wieder zu beruhigen und wie in Trance die nächsten Minuten in dieser Position verharrt. Allerdings, die Gedanken nehmen immer wieder von ihr Besitz. Die Angst sitzt ihr im Nacken.
‚Was wird in dieser Nacht noch geschehen? Wird sie den ersehnten Schlaf noch finden? Wie lange wird sie diese Tyrannei noch durchhalten?’
Tick, Tack.
Tick, Tack.
All der Mut und ihre Lebensfreude sind verschwunden und sie fühlt sich gefangen in einem abgestumpften, haltlosen, finsteren, bestialischen und erbarmungslosen Loch. Dieses Leben ist ihr eine Schmach. Ihre Kraft ist aufgezehrt und sie nimmt keinen Ausweg aus ihrer Situation bewusst wahr.
‚Er ist ja nicht immer so. Eigentlich ist er ein Mann der sie liebt. Im Grunde wollen sie doch eine Familie sein. Nein. Sie muss sich diesem Leben stellen. Es ist ja auch nicht immer so schlimm. Wir haben ja auch noch schöne Tage. Die Kinder lässt er auch in Ruhe und beschützt sie vor Allem und Jedem.’, redet sie sich immer wieder ein.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Erneut beginnt ihr Körper zu vibrieren. Nebenan beginnt ihre Tochter  zu weinen, so wie sie es jede Nacht tut und das schon seit Monaten. Ja, fast Jahren. Sie weiß es nicht mehr. Die Zeit. Sie weiß nicht mehr, wie viel Zeit vergangen ist, seit dem letzten Mal seines unbändigen Wutausbruchs. Sie weiß nicht mehr, wann es überhaupt angefangen hat. Sie ist betäubt, wie gelähmt. Das Schreien der Tochter wird immer schlimmer. Sie schafft es nicht aufstehen. Jede Bemühung ist zu viel. Ihr Körper macht das nicht mehr mit. Sie betet zu Gott.
‚Bitte, mach das sie wieder einschläft. Bitte, hilf mir und meinen Kindern. Bitte, mach das Ruhe ist, wenn er nach Hause kommt. Bitte hilf mir und meinen Kindern.’
Abermals versucht sie sich zu erheben und irgendwie ist es ihr möglich an das Bett ihrer Tochter zu gehen. Zum Glück ist ihr Sohn nicht wach geworden. Es dauert nicht lange. Nur ein paar Berührungen und das Gefühl das sie bei ihr ist, und schon beruhigt sich die Kleine wieder und schläft ein. Leise schließt sie wieder die Türe.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Ihr Blick fällt auf die Uhr im Flur und ihre Handtasche. Sie erinnert sich an einen Prospekt von einer Beratungsstelle, der ihr vor Tagen schon in die Hände gefallen ist.
‚Sollte sie sich Hilfe holen? Sollte sie in ein Frauenhaus gehen? Wenn sie nur wenigstens jemanden hätte, dem sie sich anvertrauen könnte. Jemanden, der ihr zuhört und einen Rat geben könnte. Ihre Scham in ihr, über diese Pein, ist zu groß. Die Wunden ihrer Seele kann sie niemandem offenbaren. Es reicht schon, dass sie die offensichtlichen Verletzungen kaum verstecken kann. Sie kann ihn doch nicht im Stich lassen? Sie kann die Familie doch nicht zerstören?’
Sie faltet den Zettel wieder zusammen, versteckt ihn in einem kleinen Fach, in der Hoffnung, durch die Angst getrieben, dass er diese Informationen niemals finden wird.
Sie hört wie ein Auto vorfährt. Ganz  schnell verschwindet sie wieder in ihrem Bett.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Die Zeit rast in ihrer Angst regelrecht los. Auf Grund der Nachtzeit kann sie erahnen, in welch einem Zustand er sein muss, wenn er gleich die Wohnung betritt. Nein sie darf ihm jetzt nicht begegnen. Ihre Wege dürfen sich heute nicht mehr kreuzen, das wäre ihr Untergang, denn wer weiß wie lange sie das noch überleben wird. Die Angst ist zu groß und die Schmerzen der letzten Schläge sitzen noch frisch in ihren Gliedern.
Sie stellt sich schlafend und betet für sich abermals im geheimen.
‚Bitte, lass die Nacht schnell vorüber gehen und auch das alles andere, was sich derzeit Leben nennt, ein Ende finden wird.’
Tick, Tack.
Tick, Tack.

© by Emma Wolff (04.05.2012)