Sonntag, 27. Mai 2012

Geschichten des Lebens XVIII – Eine Geschichte fünf Perspektiven – IV




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Ein ruhiger Tag geht zu Ende und sie war die ganze Zeit mit sich und ihrem Leben beschäftigt. Warum sollte sie sich auch um andere Dinge kümmern? Es betrifft sie nicht und es gibt genügend Dinge in ihrem Leben, mit denen sie zu tun hat.
Die Arbeit nimmt genügend ihrer kostbaren Zeit in Anspruch. Die Angelegenheiten der anderen interessieren sie auch nicht. Sie hat mit sich und ihrer Vergangenheit ihre eigenen Probleme.
Die Jahre und die Zeit haben sie verhärmt. Sie möchte einfach keine Menschen mehr um sich herum haben. Die Erfahrungen, die sie erleben musste, waren einfach zu grausam und sie wird oft genug daran erinnert.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Mit einem Glas Wein und einem Buch unterm Arm, lässt sie sich auf ihrem kleinen, aber sehr hübschen Balkon, nieder. Ganz sanft weht ein warmer Frühlingswind und die Sonne ist gerade dabei unterzugehen. Ganz beiläufig bemerkt sie, dass die Nachbarin ein Rollo nach unten lässt und sie somit weiß, das jetzt auch keine Kinder mehr zu hören sind.
Sie hat ja nichts gegen Kinder, aber sie ist froh das sie selber keine hat, denn sie könnte ihnen niemals das geben was Kinder so bräuchten. Sie fühlt sich einfach auch oft genug gestört von ihnen, aber sie weiß, dass es ihr Problem ist.
So genießt sie einen Schluck von ihrem Wein, bevor sie sich dem Sonnenuntergang hingibt und ihr Buch ungeachtet auf dem Tisch liegen lässt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie sieht wie das Auto des Nachbarn die Einfahrt hochfährt und empfindet einen Anflug von Mitgefühl, als sie sieht wie erschöpft er aussteigt und das Haus betritt. Gleichzeitig kennt sie die Familie schon so lange, das sie auch hofft, das sie wirklich diese Ruhe behält und nicht durch unangenehme Geräusche gestört wird, denn das ist etwas was sie an diesem Mann hasst, das er sich in regelmäßigen Abständen nicht unter Kontrollen hat.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie entscheidet sich nun doch noch etwas in ihrem Buch zu lesen. Dafür hat sie sich eine Kerze angezündet, damit sie später nicht ganz im Dunkeln sitzt.
Mit einem Male hört sie einen lauten Schrei und wie Glas zerbricht.
Wie in einem Affekt, springt sie auf, nimmt ihr Glas und das Buch pustet die Kerze aus und verschwindet sofort in ihrer Wohnung. Als erstes verschließt sie alle ihre Fenster und Türen und hofft, so von dem gebotenen Schauspiel der Gewalt nichts mehr mit zu bekommen. Jedoch hört sie wie er auf sie einschlägt, obgleich sie den Raum darüber verlassen hat.
Ihre eigene Vergangenheit und die Ängste, die sie daraus immer noch in sich trägt, kommen in Form der Bilder wieder zum Vorschein. Das Geschrei, die Wut und der Jähzorn des Nachbarn wird immer intensiver und lauter. Es ist für sie fast unerträglich und sie hat das Gefühl das jeder Schlag und jeder Schrei ihr gilt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Aber es hat sie nicht zu interessieren, denn es betrifft sie nicht, deswegen setzt sie sich in ihren Sessel und schaltet den Fernseher an. Den Ton schaltet sie so laut das sie den Rest der Geräusche übertönt. Was sollte sie auch anders tun? Oder sollte sie die Polizei rufen. Nein, es geht sie nichts an. Sonst wird sie vielleicht noch in eine Sache hineingezogen, mit der sie nichts zu tun haben will. Sie will keinen Ärger haben. Nein.
Sie wird einfach das machen was sie immer tut, wenn er da unten wütet. Sie wartet ab, bis es vorbei ist, um danach in ihrem Rhythmus und ihrer Ruhe weiterleben zu können.
Tick, Tack.
Tick, Tack.

© by Emma Wolff (4.5.2012)


Kommentare:

  1. Genau dieses Verhalten ist es, was das Leiden dieser Frau und auch ihrer Kinder endlos verlängert.
    Die Kinder werden durch diesen Lärm wach, dies ist keine Frage, doch sie liegen angsterfüllt in ihren Betten und wagen es nicht, sich zu rühren, damit nicht auch sie Prügel erhalten.
    Man könnte nun annehmen, dass diese Kinder später entweder zu Menschen werden, die vor allem Angst haben oder dass sie selbst zu Gewalttätern werden, doch so einfach ist es nicht.
    Die Frau betreffend: wäre sie nicht bereits vom Elternhaus her so geprägt, dass sie sich schuldig fühlt und der Meinung ist, dass sie es nicht besser verdient habe, könnte ihr Mann niemals so viel Macht über sie ausüben.
    Was sie braucht ist, dass jemand mit ihr spricht und ihr erklärt, dass kein Mensch es verdient hat, so mißhandelt zu werden. Sie muß erfahren, dass man ihren Schmerz wahrnimmt, dass sie nicht alleine ist, dass ihr Mann ein Problem hat und Hilfe braucht und dass auch sie Hilfe in Anspruch nehmen sollte, dass sie es verdient habe, ein besseres Leben führen zu dürfen.

    Und sie muß auch begreifen, dass sie eine Pflicht gegenüber ihren Kindern hat, ihre Beschützerinstinkte als Mutter müssen geweckt werden, damit sie die Kraft bekommt, aus diesem Teufelkreis heraus zu kommen.

    Jeder...jeder Nachbar kann dieser Frau helfen, indem er Mitgefühl zeigt, indem er nette Worte zu der Frau sagt, sie immer und immer wieder anspricht, wenn ihr Mann nicht zu Hause ist, um ihr Mut zu machen und bevor man die Polizei alarmiert, das Jugendamt ansprechen oder sich informieren, ob es eine Hilfestelle für mißhandelte Frauen in der Nähe gibt.

    Bitte bitte bitte...nicht weghören, nicht wegsehen...bitte bitte handeln.

    Ich war selbst betroffen über 30 Jahre, begonnen im Elternhaus, und alles was ich erwähnt habe, war das, was ich mir für mich selbst gewünscht hatte. Und genau wie in dieser Geschichte haben alle weggesehen.

    Auf der Flucht vor meinem Mann hing ich außen am Balkongeländer im 1. Stock, zu der Zeit hatte ich noch kein Kind, war bereit zu springen, damit diese Hölle ein Ende hat, die Nachbarn klebten auf der anderen Straßenseite hinter den Fensterscheiben und harrten der Dinge, die geschehen würden.
    Auch die Männer waren dabei. Wie sehr hatte ich mir gewünscht, sie kämen herüber und würden meinem Mann Einhalt gebieten, doch niemand handelte.

    Ich hatte sehr viel Glück, die Kraft hatte mir Jahre später meine Tochter gegeben, mein Mutterinstinkt war so stark, dass er mir die Kraft gab, dieser Hölle zu entfliehen, auch wenn wir viele Jahre in Gefahr lebten, denn Frauenhäuser gab es damals nur sehr wenige und keins in unserer Nähe.

    Bitte handelt nicht wie diese Nachbarin oder meine damaligen Nachbarn, bitte helft und seht hin, wenn ihr so etwas miterlebt...bitte bitte.

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    1. Das nicht verhalten in dieser Geschichte, war einer der Punkte warum ich sie schreiben musste, ebenso warum ich so viele Perspektiven darstellen musste, einfach um zu zeigen, das es für alles einen Grund gibt, und das diese Menschen einfach Hilfe brauchen, egal von welcher Seite man es betrachtet. Selber können sie nicht sehen, aber von außen betrachtet ist es noch einmal etwas anderes, deswegen hoffe ich sehr das es manche Menschen erreicht und ihnen helfen kann und sei es nur die Sicht darauf zu ändern.
      Danke liebe Jyoti ;)

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