Sonntag, 20. Mai 2012

Geschichten des Lebens XVII – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven - III




Tick, Tack.
Tick, Tack.
„Mama? Wann kommt denn der Papa nach Hause?“, fragt die Kleine. Ihr Bruder schaut die Mutter mit genauso erwartungsvollen Augen an, wie sie es selber tut, um die Antwort abzuwarten.
„Das weiß ich nicht. Es könnte aber wieder später werden und ihr geht dann trotzdem ins Bett.“, antwortet die Mutter ihr, mit ruhiger Stimme.
Die Kleinen schauen schweigend auf ihren Teller und essen weiter ihr Brot, während die Mutter Essen vorbereitet.
„Können wir dann warten, damit wir ihm noch Gute Nacht sagen können?“, versucht die Kleine noch einmal ihre Mutter zu unterbrechen, um vielleicht noch etwas fernsehen zu können.
„Nein, das kann ich nicht machen. Morgen wartet wieder ein neuer aufregender und spannender Tag auf Euch. Da müsst ihr ausgeruht und ausgeschlafen sein, sonst könnt ihr all das nicht entdecken. Zudem weiß ich wirklich nicht, wie lange es noch dauern wird, bis der Papa zu Hause ist. Ihr wisst doch auch, wenn der Papa so spät nach Hause kommt, dann will er immer seine Ruhe haben, weil er so sehr müde von der Arbeit ist.“ versucht sie die beiden Kinder zu überzeugen, bevor sie weiterspricht. „Aber wisst ihr was, ich mache Euch einen Vorschlag. Gleich wenn ihr fertig seid, dann geht ihr ganz schnell ins Bad, putzt Euch noch die Zähne, bevor ihr ins Bett geht und dann komme ich zu Euch und lese Euch noch eine lange Geschichte vor. Was haltet ihr davon?“
Die Beiden finden das toll und beeilen sich ganz schnell um fertig zu werden.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Zu dritt kuscheln sie sich aufs Bett und die Mutter schlägt das Buch auf, welches die Beiden ihr zusammen ausgesucht haben.
„Aber die ganze Geschichte, ok?“, versucht sie etwas Zeit zu schinden.
Die Mutter muss feixen. „Ich versuche es.“
Sie lesen und unterhalten sich, während dessen schläft ihr kleiner Bruder schon ein. Nur sie ist ganz aufmerksam bei der Sache.
‚Der ist ja noch klein und ich bin schon groß. Es ist so schön hier mit der Mama alleine.’, denkt sie sich.
Die Mutter legt den Kleinen ganz vorsichtig in sein Bett, bevor sie weiterliest und versucht ihr ihren Wunsch zu erfüllen, zumindest solange sie die Zeit noch hat, denn der Blick auf die Uhr verrät ihr, dass sie noch eine Menge machen muss, bevor ihr Mann nach Hause kommt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Sie ist noch wach, als die Mutter das Zimmer verlässt und hört wie auch in dem Moment ihr Papa nach Hause kommt. Es ist ganz still da draußen und sie unterhalten sich nicht.
Sie lauscht den Geräuschen und den Schritten und hört am Gang, wie ihr Vater durch den Flur läuft und in die Küche geht. Sie kennt seinen Schritt ganz genau. Jeder Raum in dieser Wohnung hat einen anderen Fußboden, so dass auch das immer andere Geräusche macht, wenn man ganz genau hinhört. Sie hört die Schritte ihrer Mutter jetzt überhaupt nicht, aber sie hört wie die Kühlschranktür geöffnet wird und sie anschließend die Stimme ihres Papas vernimmt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Er ist laut. Jetzt hört ihre Mutter mit schnellen Trippelschritten durch die Wohnung laufen. Auf einmal schreit ihr Vater so laut, dass sie regelrecht zusammen schrickt und mit einem Male im Bett sitzt. Sie hört wie etwas zerbricht und er so wütend schreit, dass ihr Bruder davon aufwacht und zu weinen beginnt. Sie ist die Große sie muss tapfer sein. Aber, wie soll sie das sein? Sie weiß genau, was gerade geschieht und kuschelt sich zu ihm um ihn zu beruhigen. Nur wie soll sie ihn beruhigen? Sie hat wahnsinnige Angst. Was ist, wenn der Vater mitbekommt, dass sie wach sind?
„Psst. Nicht weinen. Du musst ganz leise sein. Psst.“
Sie klammern sich an einander fest und sie spürt wie gut es ist, das sie jetzt in diesem Moment nicht alleine sein muss. Sie spürt wie ihre Beine zittern und wie ihr kleiner Bruder am ganzen Körper bebt und durch das Unterdrücken der Tränen durchgeschüttelt wird.
Es erscheint als würde die Zeit nie vergehen und das ganze Theater vor ihrer Tür würde nie ein Ende nehmen.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Nach einer gefühlten Ewigkeit in dieser Angst, hört sie, wie ihr Vater regelrecht aus der Wohnung rennt, die Türe zuknallt und mit einem Mal ist absolute Ruhe eingekehrt.
Sie ist sich nicht sicher, was sie jetzt tun soll. Sie hat Angst. Ihr Bruder weint jetzt bitterlich los. In ihr wird eine Stimme wach, die ihr sagt, dass sie jetzt schauen soll, was draußen los ist.
Alles erscheint in einer erdrückenden Stille, nur das schluchzen ihres Bruders kann sie vernehmen. Sie weist ihn an, in seinem Bett zu bleiben und das sie auch gleich wieder bei ihm sein wird. Er möchte sie nicht wirklich gehen lassen. Sie schickt ihn schon einmal in ihr Bett und verspricht ihm hoch und heilig, dass sie gleich wieder bei ihm ist.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Auf Zehenspitzen schleicht sie zu ihrer Zimmertüre hinaus und sieht wie aus der Küche Licht in den Flur fällt. Sie wagt sich kaum Luft zu holen, aus Angst nicht zu wissen, was sie jetzt erwarten wird. Sie weiß nur, dass etwas Schlimmes geschehen ist, aber nicht was für ein Bild sie jetzt vorfinden wird.
Sie braucht noch nicht einmal die Türe aufstoßen, da sieht sie ihre Mutter auf dem Boden liegen, mit dem Rücken zu ihr und vor Schmerzen zusammengerollt. Ganz leise hört sie ein Weinen, welches wie stumme kleine Schreie wirkt. Sie tritt ganz vorsichtig an sie heran und berührt sie mit ihren Fingerspitzen an der Schulter, wovon ihre Mutter furchtbar erschrickt und sich sofort um dreht. Der Anblick, des geschwollenen Gesichts, das Blut, die Tränen, der Schmerz und der Versuch zu Lächeln, in dem verzerrten Gesicht, ist ein Bild welches sie schon kennt, wobei es sich, von mal zu mal, grauenvoller und härter in ihr Gedächtnis einbrennt.
Tick, Tack.
Tick, Tack.


© by Emma Wolff (04.5.2012)


Kommentare:

  1. Wenn ich das lese, dann bin ich verdammt froh, daß ich nie auch nur eine Andeutung einer solchen Geschichte erlebt habe.

    (Dafür habe ich andere Geschichten, die ich noch nicht rauslassen kann.)

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    1. Hier handelt es sich um eine abgeschwächte Form, da es mir beim Schreiben so nahe ging, dass die Tränen liefen. Deswegen konnte ich einfach nicht anders, als alles über Bord zu werfen, es zu löschen und noch einmal neu zu schreiben.

      Es freut mich sehr das du es nicht einmal Andeutungsweise erleben musstest. Was ich aber eben sehr erschreckend und traurig finde, das es hinter vielen Türen geschieht und man sollte einfach nicht wegschauen. Deswegen habe ich es mal wieder zum Thema gemacht und versucht aus allen Perspektiven darzustellen.

      Ich danke dir sehr fürs Lesen und deinen Kommentar. ;)

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