Sonntag, 13. Mai 2012

Geschichten des Lebens XVI – Eine Geschichte aus 5 Perspektiven - II




Tick, Tack.
Tick, Tack.
Er fühlt sich vollkommen unter Druck, gestresst und überfordert. Alleine, wenn er nur an seinen Job denkt und dann auch noch die ganze Unruhe zu Hause. Ständig diese Diskussionen mit seiner Frau. Jedoch, er will nicht reden. Es ist doch alles klar. Er geht arbeiten und sie kann zu Hause bei den Kindern bleiben und hat ein gutes Leben. Sie braucht sich um nichts weiter zu kümmern, außer um seine Bedürfnisse, den Haushalt und die Kinder.
Er dagegen, muss ständig in dieser Angst und mit diesem Druck ausharren, dass er die Arbeit nicht mehr bewältigen und sie deswegen verlieren kann. ‚Keiner kann sich vorstellen wie es mir geht, erst recht nicht meine Frau.’
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Die Zeit scheint heute nicht zu vergehen und die Arbeit auch nicht weniger geworden zu sein. Wie soll er das nur schaffen? Irgendwie muss es gehen, er ist doch ein richtiger Kerl. Was sollen all die Kollegen sagen, wenn er wieder nicht befördert wird?
Erschöpft, gefangen in seinem eigenen Kreislauf, kalt und abgestumpft macht er sich später als sonst auf den Heimweg, in einem Anflug der Vorfreude, das zu Hause schon Ruhe eingekehrt ist, da die Kinder schlafen, das Essen für ihn bereit steht und ein kühles Bier auf ihn wartet.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Als er die zur Wohnungstüre eintritt, bemerkt er wie sie auf Zehenspitzen ganz vorsichtig ihm entgegen geht, dabei drückt sie sich mit gesenktem Kopf an der Wand entlang.
‚Kann sie mich nicht einmal mehr ordentlich begrüßen? Wie sie wieder herum läuft! Nicht einmal in die Augen kann sie mir schauen. Sollte sie mir fremdgehen, oder warum weicht sie mir aus? Denkt sie wirklich, ich bekomme das nicht mit? Ich kann mir wirklich etwas Besseres vorstellen, wenn ich nach solch einem Tag nach Hause komme. Wenigstens schlafen die Kinder schon und ich habe jetzt meine Ruhe.’
Wie eine Maschine in automatischen Bewegungen, versucht sie ihm einen Kuss zu geben, ohne ihn dabei auch wirklich zu berühren. Es ist ihm so zuwider, dass er ihr einfach nur noch seine Sachen in die Hand drückt und sie stehen lässt, bevor er weiter in die Küche geht.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
Er lässt seinen Blick durch die ganze Küche streifen. Auf dem Tisch steht noch das dreckige Geschirr der Kinder und auch sein Essen kann er nicht entdecken. ‚Was macht die eigentlich den ganzen Tag?’
„Hast du für mich auch was zu Essen gemacht oder soll ich hungern.“, ruft er fordernd in den Raum. Ganz schnell kommt sie, fast unscheinbar in den Raum und stellt die Mikrowelle an, wo sie sein vorbereitetes Essen stehen hat. Er öffnet den Kühlschrank, in der Hoffnung, darin wenigstens ein kaltes Bier zu finden. Das ist das, was er jetzt erst einmal will und braucht, sonst weiß er nicht wie er den restlichen Abend überstehen soll. Er kann keine Flasche entdecken.
Tick, Tack.
Tick, Tack.
„Kein Bier im Kühlschrank? Kein Essen auf dem Tisch? Die Küche und wahrscheinlich auch der Rest der Wohnung schauen aus wie ein Schweinestall? Und ich....?“
Er dreht sich zu ihr um und sieht wie sie mit einer Flasche Bier hinter ihm steht. „Ich habe vergessen....“
„Was hast du vergessen?“, unterbricht er sie und schreit sie an. Sie zuckt zurück und möchte am liebsten fliehen, aber ihre Angst lässt sie regelrecht lähmen. „Vergessen, dass ich auch Bedürfnisse habe?“
Seine ungezügelte und unbändige Wut bricht aus ihm, wie die glühende Lava aus einem Vulkan aus und ohne einen weiteren Gedanken, schlägt er so fest zu, dass ihr die Flasche aus der Hand fällt und auf den Fließen des Bodens zerspringt.
„Weißt du eigentlich wie viele Opfer ich für dich bringe und du trittst das mit Füßen!“, schreit er weiter, während er abermals schlägt in der Wut das sie ihm nicht standhalten kann und sein Bier fallen lässt.
Er kann es nicht mehr halten und alles was sich in den letzten Tagen in ihm angestaut hat, bricht aus ihm heraus, ohne das er wirklich realisieren kann, was mit ihm geschieht ohne das er wirklich wahrnehmen kann, was er da gerade tut. Er schlägt und drischt immer weiter auf diesen Körper ein, der zusammensackt und sie sich versucht irgendwie zu schützen. Es ist als wäre sie ein Sandsack, an dem er seine Wut und Aggression auslassen kann.
Mit einem Male hält er inne und kann nicht anders als in seiner Rage die Wohnung fluchtartig zu verlassen, da er das Gefühl hat keine Luft mehr zu bekommen.
Tick, Tack.
Tick Tack.


© by Emma Wolff (04.05.2012)





Kommentare:

  1. Leider ist dies immer noch auf diese Weise in vielen Köpfen von Männern drin, die Frauen nicht als Partnerin sondern als Dinerin betrachten.

    Wer möchte, dass seine Arbeit Wert geschätzt wird, muß dies auch mit der Arbeit des Anderen tun.
    Eine gute Möglichkeit wäre, mal einen Tag die Arbeit zu tauschen - würde den Blickwinkel verändern.

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    1. Liebe Jyoti,

      du wirst es nicht glauben, aber meinem Ex - Mann hatte ich damals den Vorschlag tatsächlich gemacht.
      Er hat mich erst einmal ausgelacht und abgelehnt, da es ihm viel zu anstrengend und stressig wäre.
      Ich denke, wenn jede Frau ihrem Mann diesen Vorschlag macht, dann würden sehr viele diese Aussage ans Licht bringen. Mehr würden sie aber auch nicht tun, da es sonst eine Veränderung in ihrem Leben bedeuten würde und somit wäre das nicht akzeptabel.
      Die Frau ist nicht nur Dienerin, sondern ist Besitz.
      Leider gibt es das auch in Umgekehrten Fall, das die Männer die Opfer sind.
      Das Einzige was mir immer noch die Hoffnung gibt, das Wissen, das es viele Menschen gibt, egal ob Mann oder Frau, die sich wirklich aufrichtig begegnen und auf Augenhöhe und voll Respekt, Liebe und Mitgefühl miteinander leben.

      Hab ganz vielen lieben Dank für deinen Kommentar.
      LG Emma

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  2. Liebe Emma,
    ich danke dir von ganzem Herzen für deinen Mut, diese Geschichten aus dem realen Leben hier zu schreiben. Es ist nur schade, dass sie nur von so Wenigen gelesen werden und kaum jemand seine Meinung hierzu äußert.

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    1. Liebe Jyoti, das es sich mit den Wortmeldungen so verhält, das wusste ich vorab schon, aber es wird gelesen. Obgleich ich mir natürlich noch mehr Leser wünschen würde, doch es ist wie es ist und ich kann aus der Statistik heraus sagen ich bin zufrieden mit dem Ergebnis.
      Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, habe ich lieber ein paar Leser weniger, aber ich kann mir dann sicher sein, das die Botschaft ankommt und nicht in Oberflächlichkeiten verloren geht und das ist mir viel mehr wert, als wenn es anderst herum der Fall wäre.
      Ich danke dir sehr für deine vielen Wortmeldungen und schicke dir ganz viele liebe Grüße in weite Ferne. ;)

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