Sonntag, 5. August 2012

Geschichten des Lebens XXVIII – dOCUMENTA




Geduldig harre ich in der vollkommen überfüllten Bäckerei aus. Mein Kind habe ich in einer ruhigen und geschützten Ecke abgesetzt, so braucht er keine Angst haben und kann all die Menschen beobachten. Die Verkäuferinnen sind genervt und gestresst, was ich sehr gut nachvollziehen kann. Gleichzeitig kommt in mir die Frage, warum hat der Chef dieses Ladens für solch einen Tag nicht mehr Personal eingestellt. Aber es ist mir ansonsten egal, denn ich habe Zeit und tue es solange meinem Sohn gleich und beobachte die Menschen, die vor mir in der Schlange stehen, wie sie mit Händen  und Füßen versuchen zu erklären, was sie gerade möchten, da die meisten von ihnen nicht wirklich die Sprache beherrschen. Dem Mann vor mir, der gebrochen Deutsch spricht, kann ich zur Hilfe eilen, obgleich ich kein italienisch beherrsche, jedoch sofort erkannt habe was er denn wünscht, da ihm entfallen war, wie „Erdbeere“ auf Deutsch heißt und es ständig verwechselte. Er war sehr freundlich und glücklich, dankte mir mehrfach und auch seine Frau schien glücklich zu sein, endlich das zu haben, was sie sich wünschte. Sie trugen beide kleine Schilder um den Hals, so dass ich auch sofort erkannte, das sie nur wegen der Kunst in der Stadt waren.
Endlich hatte ich auch meinen Kaffee zum mitnehmen, mein Kind sein Brötchen, und weil auch die Straßenbahnen aus allen Nähten platzten, machten wir uns zu Fuß auf den Heimweg.
Die Stadt, die selbst im Sommer immer nur Grau wirkt, wenn man nicht so kleine geheime Stellen kennt, in der die Menschen Sommer wie Winter Kalt und reserviert sind, erschien uns wie in einem anderen Glanz. Natürlich erkannte man sofort wer hier lebte und wer einfach nur wegen der größten Weltkulturausstellung zu Besuch war. Also ließen wir uns anstecken, von der Neugier und der Freude der Besucher aus allen Herrgottsländern und um den Massen zu entfliehen, beschlossen wir jetzt über einen kleinen Umweg, durch das Grüne nach Hause zu laufen und ganz nebenbei Kunstwerke zu entdecken und zu finden, da wir über keinen Plan aller Ausstellungsobjekte verfügten. Obgleich das Wetter in bis zu diesem Moment noch sehr nach Regen aussah, brach nach und nach die Wolkendecke immer mehr auf und die Sonne begleitete uns bei unserem Ausflug. Es war überwältigend, welche Dinge auf unserem Weg, den wir eigentlich im Schlaf kannten, zu entdecken waren. Manches erkannte man auch nur auf dem zweiten Blick und wieder andere Arbeiten, konnten wir erst jetzt anschauen und verstehen, weil es vorher noch umzäunt war oder mit schwerem Geschütz und Maschinen daran gearbeitet wurde.
Ein Berg mitten auf der Karlswiese, umzäunt mit einem roten Reifen auf dem man sich niederlassen kann. Aber was hat es wirklich zu bedeuten? Und endlich begriffen wir, das Kunst und Natur, Leben und Erschaffen noch näher bei einander lagen als es uns vorher bewusst war. Ein Haufen aus Erde, Dreck und Müll auf karren und abwarten was geschieht. Kaum zu glauben, aber es ist ein schön bewachsener Hügel. Es zeigt ganz deutlich, wie die Zeit auch aus Müll etwas Schönes erschaffen kann, ohne dass es wirklich immer den Menschen braucht. Umzäunt war das Ganze mit Lebensbäumen.
So liefen wir weiter eine Allee entlang, denn aus weiter Entfernung war auch hier schon zu sehen, das am Ende des Weges noch ein Weiteres Objekt steht. Womit wir nur nicht gerechnet hatten war, dass in den Einblick vieler Wege und Nischen auch noch vieles zu entdecken war. Ein Geist, der durch Hängematten zwischen den Bäumen umsäumt war, damit der Mensch und ihr Geist zur Ruhe kommen können. Einfach alles auf sich wirken zu lassen und nicht in einer Tour durch die Ausstellung, sowie auch durch das Leben zu rennen und zu hetzen. Alles so wie es ist, das Alltägliche, das Natürliche, das Phantasievolle und das Künstliche, eben das Leben, einfach auf sich wirken zu lassen.
Selbst die Projekte die eine grausame Geschichte erzählen, die auf alltägliche Tatsachen beruhen, sind vorhanden. Man nimmt sie auch in ihrer Gegebenheit und Ernsthaftigkeit war, aber sie erschüttern einen nicht so sehr, dass der Betrachter wegsehen möchte. Ja in meinen Augen gehören sie dahin und man sollte auch davor die Augen nicht verschließen. Wobei der Gedanke, an welchen Ort sich ein Nachbau des Galgens von Saddam Hussein befindet, sehr grotesk und absurd wirkt. Jedoch er ist genau da und wir haben noch Stunden gebraucht, für einen Weg den wir sonst in kürzester Zeit laufen, einfach weil wir so viel entdecken durften.
Für uns war sofort klar, dies wird für uns, meinen Sohn und mich, sowie auch für unsere Freunde ein toller Sommer, mit viel Kreativität, mit vielen neuen Erkenntnissen, und noch mehr, mit vielen neuen Begegnungen, das uns alleine der Gedanke unendlich erfüllt und wir froh sind diese Zeit zu Hause und in dieser Stadt verbringen zu dürfen.

© by Emma Wolff (04.07.2012)



Kommentare:

  1. Das ist jetzt wirklich passiert? Dann wünsche ich euch viel Spaß und interessantes bei der Weltkulturausstellung!!!

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  2. Wenn du lust hast, schau gerne mal bei mir vorbei.

    newfantasy.blogspot.com

    Schreibe auch ein wenig. Meistens kurze. Reise in eine andere Welt ist da ne Ausnahme.
    Ganz liebe Grüße und frohes schreiben/schaffen noch.
    Nadine

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  3. Antworten
    1. Hallo Nadine,

      ja es ist dieses Mal etwas aus meinem Leben gewesen und ich danke dir sehr. Obgleich wir schon viel gesehen haben, ist auch noch vieles zu betrachten.
      Sobald ich Zeit und Arbeitsmäßig wieder mehr Luft habe, werde ich mir deinen Blog ganz in Ruhe zu Gemüte führen. Ich danke dir für den Hinweis.

      Ganz viele liebe Grüße
      Emma

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